Hans Fahrländer

Mit einer Reportage über ein Aargauer Bordell startete der Regionalsender Tele M1 am 6. Januar 1995 im Ostteil des Kantons, dem Gebiet des Vorläufers «Rüsler-Television», in die Fernsehzukunft. Am 3. Februar erfolgte die Erweiterung des Sendegebietes in den Westteil des Aargaus und angrenzende Gebiete des Kantons Solothurn. Mit 15 Jahren gehört der Mittelland-Sender, den heute fast 200000 Menschen täglich einmal anwählen, zu den ältesten Vertretern eines noch jungen Mediums, des privaten Regionalfernsehens.

Noch viel pionierhafter wird die Sache, wenn wir in der Vorgeschichte des Senders blättern. Im Sommer 1978, als in der Schweiz noch niemand von regionalem Fernsehen sprach, bewilligte das Eidgenössische Verkehrs- und Energiedepartement einer «Arbeitsgemeinschaft Pilotprojekt Kabelrundfunk Agglomeration Baden» eine befristete Konzession für eine «regionale kabelgebundene Fernsehversorgung». Mit beteiligt am Versuch waren die Regionalplanungsgruppe Baden und Umgebung (Repla), die Gemeinden der Region, die Autophon als Besitzerin des regionalen Kabelnetzes sowie die Medienunternehmen Badener Tagblatt (BT) und Aargauer Volksblatt (AV). Als unermüdliche Vorantreiber des ersten Regionalfernsehens der Schweiz machten sich vor allem Repla-Geschäftsführer Fritz Fischer aus Fislisbach sowie Redaktor Klaus Streif aus Baden verdient.

Die laufenden Bilder waren allerdings zunächst noch stehend und keine Bilder: Zu sehen war ab 1979 eine Bildschirmzeitung mit Regionalnachrichten, gesendet aus dem Keller des BT-Hochhauses in Baden. 1983 wurde eine einfache Gesellschaft mit dem seltsamen Namen «Regionalfernsehen Rüsler» gegründet. Namensgeber war ein Hügelzug oberhalb Neuenhof, wo die Grossgemeinschaftsantenne steht, welche die Region mit TV- und UKW-Programmen versorgt. 1985 wurde die Bildschirmzeitung durch eine regionale Ton-Bild-Schau abgelöst. Laufen lernten die Bilder am 16. August 1987: Eine Reportage vom grossen Badenfahrt-Umzug huschte noch etwas verwackelt über den Bildschirm. Im Folgejahr sah man erstmals Nachrichtensprecherinnen am Schirm, welche eine regionale «Tagesschau» verlasen. Nochmals ein Jahr später stieg die Redaktion auf: vom Keller des BT-Hochhauses in den 14. Stock. Die Fernseharbeit wurde zunehmend professioneller. Auch wenn die Redaktoren zunächst noch durchs Studio laufen mussten, um zu den Vertonungskabinen zu gelangen.

Anfang 1995 hatte das Fernsehen mit dem erdgebundenen Namen ausgedient: Tele M1, das Fernsehen fürs Mittelland, ging als Nachfolger auf Sendung, zunächst noch unter BT-Ägide, ab 1996 unter jener der AZ Medien. Im Jahr 2000 schauten sich noch 28000 Personen die ganze Nachrichtensendung «Aktuell» an, heute sind es über 70000. Rund 190000 Personen schauen täglich einmal vorbei. Den Rekord hält die Reportage über das Hochwasser vom August 2007: 230000 Zuschauer haben damals die ganze Sondersendung gesehen. Aktualität ist immer noch das Hauptbein des Senders. Doch das Angebot wurde laufend ausgebaut, mit Talkshows sowie mit Magazinen für Kochen, Sport, Tiere, Gesundheit, Reisen, Wohnen, Lifestyle und so fort. Jüngstes Kind ist die wöchentliche Polit-Sendung «Duell aktuell»: Zwei Prominente aus dem Einzugsgebiet kreuzen am Dienstagabend zu einem heissen Thema die Klingen.

2008 erhielt Tele M1 vom Bund erneut eine Sendekonzession für zehn Jahre. Das neue Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) macht es möglich, dass regionale TV-Veranstalter heute auch ein paar Brosamen vom riesigen Gebührenkuchen erhalten. Dafür müssen sie definierte Service-public-Auflagen erfüllen. Im Moment werden rund 10 Mio. Franken in drei neue Studios, neue Schnittplätze, neue Kameras und Arbeitsplätze investiert. Das ganze Programm wird modernisiert und auf Format 16:9 umgestellt. Auch das Sendegebiet hat sich nochmals vergrössert: Tele M1 sendet jetzt im ganzen Kanton Solothurn. Ab 1. Februar will der Sender einen Programmsplit machen, um die beiden Kantone noch massgeschneiderter zu bedienen.

Immer wieder diente Tele M1 als Start- und Ausbildungsplattform für nachmals landesweit bekannte Moderatorinnen, zum Beispiel für Susanne Wille («10vor10») oder Maureen Bailo («Tagesschau»). Das ist das Schicksal von Regionalsendern, die mit einem Bruchteil des Budgets des Schweizer Fernsehens SF auskommen müssen: Haben sie eine Perle, wirbt der Gigant sie mit höheren Löhnen ab. Vor dem Hintergrund der Budget-Unterschiede ist der Erfolg der privaten Regionalsender alles andere als selbstverständlich. Statt mit hohen Gagen operieren sie mit Herzblut, statt mit Stars mit totalem Einsatz. Sie bilden ab, was vor der Haustür der Menschen passiert, das ist ihr Erfolgsrezept. In diesem Sinne: Happy Birthday und alles Gute für die Zukunft. Und: Vergesst eure Wurzeln am Rüsler nicht!