Ein sehr spezieller Freier

Ein 40-Jähriger Freier soll eine Prostituierte zu Sadomaso-Praktiken gezwungen haben. Er sagt: Sadomaso ja, aber keine Zwangsausübung.

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Samuel Misteli

Ein «Spezieller» sei er, heisst es von Leo B.*. Dabei ist der 40-Jährige auf den ersten Blick überaus durchschnittlich: Weder gross noch klein, weder dick noch übertrieben dünn. Ein bebrilltes Gesicht, das sich einem nicht einprägt. Ein schwerer Töffliunfall kurz vor seinem 18. Geburtstag machte B. zum IV-Teilrentner, seinen übrigen Verdienst bezieht der gelernte Maschinenzeichner aus einem Teilzeitjob als Assistent in einem Ingenieurbüro. B. beantwortet Fragen gerne mit «Jawoll!» und wirkt dabei, als ob er es gewohnt wäre, Befehle zu empfangen. Noch lieber gibt er sie aber - und das ist, was ihn speziell macht.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2006 soll Leo B. auf dem Solothurner Drogenstrich die Gelegenheitsprostituierte Fleur R.* angesprochen und zu sich nach Hause genommen haben. Dort machte er sie zu seiner Sklavin. Schläge mit einer Reitpeitsche gehörten dabei zu den harmloseren Handlungen des selbsternannten Meisters.

In den frühen Morgenstunden brachte ein Taxifahrer Fleur R. auf den Polizeiposten. Dort schilderte die aufgelöste Frau ein Martyrium: Ihr Freier habe sie zu schmerzhaften Sadomaso-Praktiken genötigt, die nicht vereinbart gewesen seien. Mittels verbalen Drohungen, einer Ohrfeige und dem Abschliessen der Wohnungstüre.

Zweifelsohne: Leo B. ist ein Spezieller. Ob er auch ein Straftäter ist, entscheidet das Obergericht.

Er sagte nichts, sie kam nicht

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern sprach Leo B. am 5. November 2007 von den Vorwürfen der sexuellen Nötigung und der versuchten Nötigung frei. Die Aussagen des Beschuldigten, so das Gericht, seien im Gegensatz zu jenen des vermeintlichen Opfers widerspruchsfrei. Die Staatsanwaltschaft appellierte.

Leo B. hat nie bestritten, dass es zu den von Fleur R. geschilderten sexuellen Handlungen gekommen ist. Freimütig, detailliert und realitätsnah, so das Lob des Amtsgerichtes, seien seine Schilderungen. Was B. hingegen stets bestritten hat ist, dass die Sadomaso-Praktiken gegen den Willen der Prostituierten vorgenommen wurden.

Gestern vor dem Obergericht gab sich der Angeklagte zugeknöpft, er wollte zu den einschlägigen Vorgängen keine Aussagen mehr machen. Fleur R. erschien erst gar nicht.

Anstelle der Direktbeteiligten sprachen Zeugen und Sachverständige, und sie taten es mehrheitlich zugunsten des Opfers: Fleur R. habe glaubwürdig gewirkt, sagte die Polizeibeamte, welche die Prostituierte einst einvernommen hatte. Der Taxifahrer, der R. auf den Polizeiposten gebracht hatte, drückte sich gewählt aus: «Ich hatte den Eindruck, dass sie etwas Schreckliches erlebt hat, das sehr tiefgreifend ist.» Die Leiterin der Kontakt- und Anlaufstelle, welche Fleur R. betreut, wies darauf hin, dass die von Leo B. bezahlten hundert Franken marktüblich seien - allerdings lediglich für einfachen Geschlechtsverkehr.

Die Verteidigung zeigte sich wenig beeindruckt. Für sie ist klar: Es steht Aussage gegen Aussage und die Aussagen ihres Mandanten sind trotz allem glaubwürdiger als jene der Prostituierten. Deshalb: Im Zweifel für den Angeklagten.

Staatsanwalt will 18 Monate

Für Staatsanwalt Raphael Stüdi indes gibt es solche Zweifel nicht. Er sagt: «Das Opfer wäre nie bereit gewesen zu SM-Handlungen, für kein Geld der Welt.» Mittels «Gewalt, massiver Drohung und brutalem psychischem Terror» sei Fleur R. gefügig gemacht worden. Die Forderung des Staatsanwaltes ist dieselbe wie bereits vor erster Instanz: 18 Monate bedingte Freiheitsstrafe.

Das Obergericht gibt sein Urteil heute bekannt.

Name von Redaktion geändert