Ein Preis für die Hoffnung

Die Geschäftsleiterin des christlichen Sozialwerks Hope in Baden nahm kürzlich den mit 10 000 Franken dotierten Rotkreuzpreis entgegen. Komplimente wehrt sie aber ab.

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Schweiz am Sonntag

Von Barbara Rüfenacht

Zur Person

Daniela Fleischmann wurde 1958 in Soglio geboren. Schon früh kam sie mit Randständigen in Berührung. In der Ausbildung zur Lehrerin erwarb sie sich pädagogische Fähigkeiten und als Hochseeskipperin Menschenkenntnisse und Respekt. Als Mutter lernte sie, Menschen auch in schwierigen Situationen nie aufzugeben, und als Präsidentin der Kindergartenkommission Wettingen und des Chinderhuus Spatzenäscht übte sie den Umgang mit Behörden. Das Fachwissen für ihre heutige Arbeit inklusive der Ausbildung von Freiwilligen erwarb sie sich an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern und in der Freizeitanlage Chrüzacher in Dietikon. Sie lebt mit ihrem Mann in Wettingen.

Nicht sie habe die Auszeichnung verdient, sondern die unzähligen helfenden Hände um sie herum. Ohne die Zugkraft der dreifachen Mutter und Ehefrau aus Wettingen wären jedoch in der Region entscheidende Funken der Hoffnung im Wind zerstoben. Die 51-jährige Daniela Fleischmann weiss, was Lebenskrisen bedeuten und wie man mit ihnen umgeht. Die ausgebildete Lehrerin und soziokulturelle Animatorin hat im engsten Umfeld Erfahrungen mit Suchtproblemen und psychischen Beeinträchtigungen gemacht. Deshalb spannt sie heute mit einem Team von neun Angestellten (480 Stellenprozent) und vierzig Freiwilligen ein Netz für Randständige, die zwischen sämtlichen sozialen Rastern durchgefallen sind.

«Wir pflegen hervorragende Beziehungen mit den Sozialämtern und anderen regionalen Institutionen», betont sie. Dennoch fängt Hope an, wo andere aufhören - die engagierten Mitarbeitenden leisten seit einem Vierteljahrhundert Hilfe, wo staatliche Sozialarbeit nicht hinkommt. «Wir unterstützen Menschen in Krisen direkt und unbürokratisch», doppelt Hans Günter nach, pensionierter CEO und Vorstandsmitglied des Aargauer Hilfswerks, das vor 26 Jahren von einem ABB-Ingenieur ins Leben gerufen wurde. Das Hilfswerk an der Stadtturmstrasse in Baden empfängt jedermann in Not, ungeachtet seiner Herkunft oder Vergangenheit.

Daniela Fleischmann – in Kürze

Bei meiner Arbeit freut es mich besonders . . . wenn alle am gleichen Strick ziehen.
Bei meiner Arbeit könnte ich am ehesten verzichten auf . . . noch weniger Zeit für all meine Ideen.
Erholen kann ich mich am besten . . . mit meinem Mann oder im Flötenensemble.
Meine Motivation hole ich mir . . . im christlichen Glauben und in der Familie.
Am liebsten esse ich . . . wenn es Essen für alle hat.
Am liebsten trinke ich . . . in unserem Begegnungszentrum.
Am meisten wünsche ich mir . . . Respekt für Menschen, die aus irgendeinem Grund am Rande der Gesellschaft stehen.
Als Bürgerin ärgere ich mich über . . . Ich versuche mich nicht zu ärgern, sondern zu handeln.

Ein bunter Menschenmix prallt hier täglich aufeinander: ehemalige Strafgefangene, Arbeitslose, Ausgesteuerte, Sozialrenten-Bezüger, Frauen und Männer mit Suchtproblemen oder solche, die unter körperlichen oder psychischen Störungen leiden. «Bei schweren Problemen schalten wir die zuständigen Fachstellen ein, denn unsere freiwilligen Helfer rekrutieren wir aus engagierten Laien.» Aber auch Businessleute und Private beginnen das öffentliche Angebot einer guten und günstigen Küche zu schätzen und mischen sich am Mittag ungezwungen unter die Notsuchenden. Für diese umfasst das niederschwellige Angebot die vier Bereiche Begegnen, Betreuen, Beschäftigen, Beherbergen.

Mitarbeitende und Freiwillige, von denen in erster Linie Zeit und Toleranz gegenüber Notsuchenden verlangt wird, konzentrieren sich bei ihrer Arbeit im Begegnungszentrum, auf der Gasse, zu Hause oder im Gefängnis immer auch auf die Entwicklung der Sozialkompetenz und das Knüpfen von Kontakten. «Viele Randständige haben aufgrund ihrer Geschichte verlernt, wie man mit Mitmenschen im Alltag umgeht, sei es beim Wohnen, Einkaufen oder in der Freizeit», weiss Daniela Fleischmann, die sich 2005 mit einem eigenen Beschäftigungsprojekt bei Hope vorstellte und vom Fleck weg engagiert wurde. Nur zwei Jahre später stieg sie zur Geschäftsleiterin auf, Führungserfahrung brachte sie von früheren sozialen Engagements mit.

Seit die drei Kinder und die zwei Pflegekinder ausser Haus sind, will die gläubige Christin und beherzte Hochseeskipperin wieder dort Kraft abgeben, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Ihren eigenen Akku lädt die Vielbeschäftigte bei ihrem Partner, der auch ihr bester Berater ist, auf - und bei Gott. Im Hilfswerk predigt sie keine christlichen Werte, sie lebt sie vor. Kleine Schritte von Menschen mit grossen Problemen lösen bei ihr regelrechte Gänsehaut aus. Etwa, wenn sich Betreute im Laufe der Zeit zu freiwilligen Helfern entwickeln. «Eine Frau, die einst bei uns mit Gemüserüsten begann, leitet heute eine eigene Beschäftigungsgruppe.»

Auch der Stadtrat schätzt das Hilfszentrum. «Seit wir rund um den Bahnhofsplatz Gassenarbeit leisten, gibt es weniger Probleme mit pöbelnden Alkoholikern.» Die offene Drogenszene ist einer versteckten gewichen. «Heute konsumiert man Kokain, was lange unerkannt bleibt, weil man leistungsfähig bleibt und in der Gesellschaft mithalten kann.»

Seit dem Erfolg auf der Strasse hat Hope mit der Stadt Baden einen Leistungsvertrag für aufsuchende Gassenarbeit und mit Wettingen einen für allgemeine Leistungen. Ansonsten gibt es keinerlei finanzielle Unterstützung, Vorstand und Freiwillige arbeiten ehrenamtlich und sind auf Sponsoren angewiesen. Rund 350 000 Franken (70 Prozent der Ausgaben) müssen jährlich aufgetrieben werden. «Die meisten Spender sind Private, Stiftungen oder KMU, aber wir hoffen weiterhin fest auf Donatoren aus der Banken- und Versicherungsbranche oder der Industrie», erklärt Hans Günter. Auch Freiwillige sind gefragter denn je, denn die prekäre Wirtschaftslage wird über kurz oder lang neue Gestrandete antreiben. Wie Daniela Fleischmann sagt: «Jeder Funke Goodwill kann ein Feuer der Hoffnung entfachen!»

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