Natur

Ein Pilz tötet die Eschentriebe

Das Besorgniserregende an Chalara Fraxinea ist, dass man noch wenig über den Pilz weiss. Ob er wie in Osteuropa die Bäume zum Absterben bringt, ist noch unklar.

Daniel Haller

Dramatisieren will er die Situation nicht, aber Sorgen macht sich Markus Lüdin bereits: «Am Donnerstag war ich in einem Bestand, in dem 90 Prozent der Eschen befallen waren», berichtet der Revierförster des Forstreviers Ergolzquelle. Er betont aber, der Pilz Chalara Fraxinea sei in der ganzen Nordwestschweiz festgestellt worden. Chalara lässt die Triebe der Esche absterben. Das Laub befallener Äste wird dunkel und verdorrt.

Dieses Jahr erstmals sichtbar

Auch Johann Schneider, Revierförster im Revier Homburg, hat in diesem Frühjahr erstmals überall in seinen Beständen welkende Eschentriebe festgestellt. «Vielleicht war der Pilz schon im vergangenen Jahr da, wurde heuer aber erstmals richtig sichtbar.»

An einigen Stellen sei der Befall so stark, dass er im Frühjahr die Pflege unterbrechen musste, bis alles Laub ausgetrieben hatte, sagt Schneider. Erst dann konnte man feststellen, welche Bäume am stärksten befallen waren und beim Auslichten gefällt werden mussten. Und jetzt im Herbst stellt Schneider fest, dass viele Eschen das Laub früher als in anderen Jahren abwerfen. Zudem werde es vorher dunkel, während Eschen sonst die Blätter noch fast grün fallen lassen.

Qualität der Bäume leidet

Auch Peter Schmid, Revierförster im Forstrevier Sissach, berichtet, bei der Pflege würde man nun jene Eschen herausschneiden, die von diesem Pilz am stärksten befallen sind. Denn bisher hat man kein Mittel gegen Chalara Fraxinea.

Man kann also nicht wie beim Borkenkäfer befallene Bäume fällen und die Rinde verbrennen, denn der Pilz vermehrt sich ausserhalb der Bäume. Er entwickelt sich im Laub am Boden und befällt dann die Zweige. Auch ein Pilzmittel zu spritzen, was nur in Baumschulen in Frage käme, brächte nichts, da der Pilz auch im Holz sitzt, wo er chemisch nicht erreichbar ist.

Dass man die am stärksten befallenen Bäume nimmt, ist also weniger eine Bekämpfungs- als eine Qualitätssicherungs-Massnahme: Stirbt vor allem bei jüngeren Bäumen die Spitze ab, treibt der Baum seitwärts neu aus und «verbuscht». Damit bekommt man keine geraden, verkäuflichen Stämme mehr.

Vor allem Jungwuchs betroffen

Ob der Pilz auch ältere Bäume abtöten kann, ist noch offen. Er scheint vor allem den Jung- und Stangenwuchs (10 bis 30 Zentimenter Stammdurchmesser) zu befallen, kommt aber auch in alten Bäumen vor.

Es ist gerade dieser Mangel an Erfahrung und die Ungewissheit, die den Förstern zu schaffen macht: «Die Esche ist nach der Buche der wichtigste Laubbaum in unseren Wäldern. Aber nun wissen wir nicht, ob wir auf die Esche setzen können», meint Lüdin. Dabei schwingt die Sorge mit, der Chalara Fraxinea könnte sich zu einer Plage auswachsen wie jener Pilz, der die Ulmenbestände praktisch flächendeckend dahingerafft hat.

«Beunruhigend ist zumindest die Tatsache, dass in mehreren Ländern mit unterschiedlichen Klimabedingungen die Krankheit sowohl an alten Eschen als auch in Jungbeständen oft tödlich verläuft», schreibt die Eidgenössische Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf in «Wald und Holz». In Polen, Litauen, Estland und Schweden seien auch Altbäume flächig abgestorben.

Ursachen noch unbekannt

Das Absterben von Rinde und Blättern wird von den Sporen eines schon seit 150 Jahren bekannten Pilzes, des «weissen Stengelbecherchen» ausgelöst. Weshalb sich dieses nun in ganz Europa als Eschenschädling auswirkt, ist vorläufig unbekannt. Denkbar wäre, dass ein fremder, gleich aussehender Pilz eingewandert wäre. Oder dass sich das Stengelbecherchen genetisch verändert hat. Allenfalls könnten die Eschen wegen des Klimawandels weniger Widerstandskräfte als früher haben. Dies wird derzeit in den Labors untersucht.

Die Forschungsanstalt WSL rät von «voreiligem Aktionismus» ab und weist darauf hin, dass allenfalls einige Eschen auch Resistenzen gegen den neuen Schädling entwickeln könnten. Bis dahin regiert die Ungewissheit, die den Förstern auf dem Magen liegt: «Was nächstes Jahr sein wird, können wir nicht sagen», betont Johann Schneider.

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