«Ein Mörder ist überall ein Mörder»

Mirash Hajdaraj – Er lebt seit 12 Jahren in der Schweiz und sagt, für die Kosovaren hier sei seit der Staatsgründung vieles einfacher

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Mirash Hajdaraj – Er lebt seit 12 Jahren in der Schweiz und sagt, für die Kosovaren hier sei seit der Staatsgründung vieles einfacher

Mirash Hajdaraj, Kosovo-Albaner, sagt, auch für die Familie des Täters sei ein Ehrenmord schrecklich. Der Kulturvermittler, kennt die Probleme von Kosovo-Albanern im Aargau. Er sucht Erklärungen für den Mord in Riniken, wo vor zwei Wochen der Kosovo-Albaner A. M. seine Frau tötete.

Sabine Kuster

Herr Hajdaraj, A. M. ist Kosovo-Albaner wie Sie. Kennen Sie die Familie?

Mirash Hajdaraj: Nein, ich kenne sie nicht. Es tut mir unglaublich leid, was da geschehen ist, es ist eine schreckliche Tat.

Die Riniker sprechen von einem Ehrenmord, weil seine Frau Mirvet sich vor der Tat möglicherweise definitiv von A. M. scheiden lassen wollte. War es einer?

Hajdaraj: Es ist nicht einfach zu beurteilen, ob es ein Ehrenmord war, oder ob etwas anderes dahinter steckte. Vielleicht waren persönliche Schwierigkeiten ausschlaggebend, vielleicht ist er irgendwie krank und vielleicht ist es eine Mischung aus allem. Wann ein Mord ein Ehrenmord ist, muss die Justiz beurteilen.

Ist das Ehr-Gefühl bei den Kosovo-Albanern stärker als bei den Schweizern? Die Familienehre zum Beispiel?

Hajdaraj: Für die kosovo-albanische Gemeinschaft ist die Familie sehr wichtig. Das kommt daher, weil eine Familie früher nur überleben konnte, wenn sie eng zusammen hielt. Bis heute sind die Reaktionen, wenn etwas Schlechtes in der Familie passiert, sehr stark.

Was sagt der Kanun, das Buch mit den alten kosovarischen Gesellschaftsregeln, dazu?

Hajdaraj: Das ist eine interessante Frage, ich habe nachgeschaut: Der Kanun verbietet Frauen-Morde strengstens. Der Mord, wie jener an Mirvet M. hat also nichts mit dem Kanun zu tun. Aber die kosovarischen Gesellschaftsregeln beruhen nicht nur auf dem Kanun, das Leben bringt auch andere Regeln.

Warum gibt es Ehremorde denn?

Hajdaraj: Es hat wie gesagt mit der Bedeutung der Familie zu tun. Und wenn nun einem Familienmitglied etwas geschieht, wird gehandelt.

Für Schweizer ist es schwer verständlich, dass die Ehre durch einem Mord wieder hergestellt werden kann. Wie geht das?

Hajdaraj: Ein Mörder bleibt immer ein Mörder, egal in welcher Nation er tötet.

Ist das Ihre persönliche Meinung oder gilt das stellvertretend für alle Kosovo-Albaner?

Hajdaraj: Das ist immer für alle schrecklich, auch für die Familie, aus welcher der Mörder stammt. Nach einem Mord kommt immer das Chaos. Und er ist immer ein Fall für die Justiz.

Eine verletzte Familienehre kann also dazu führen, dass man nicht an die Konsequenzen denkt?

Hajdaraj: Leider passiert das hier und im Kosovo manchmal . . . aber immer weniger.

Wie hätte man einen Konflikt wie diesen lösen und einen Mord verhindern können?

Hajdaraj: Man hätte einen kultureller Vermittler beiziehen können. Er kennt beide Kulturen und kann aufzeigen, warum jemand so oder so handelt. Er schafft auf beiden Seiten mehr Verständnis und Vertrauen. Auch eine Beratungsstelle für interkulturelle Fragen wäre wichtig. So könnte ausserdem Geld gespart und Vorurteile beseitigt werden. Vor allem kann so ein Feuer eingedämmt oder sogar gelöscht werden, bevor die Justiz eingreifen muss.

Welche Bedeutung hat die Justiz im Kosovo?

Hajdaraj: Wir hatten seit Jahrhunderten keine eigene Regierung. Wir mussten immer unter fremder Herrschaft mit fremden Gesetzen leben, zuerst den türkischen, dann den serbischen. Dabei wäre es für die Gemeinschaft wichtig, eigene Gesetze zu haben.

Vertrauen die Kosovo-Albaner den modernen Gesetzen deshalb weniger?

Hajdaraj: Ja, das spielt sicher eine Rolle.

Wird das jetzt besser, wo Kosovo ein eigener Staat ist?

Hajdaraj: Ja, das ändert viel. Wir haben jetzt unsere eigenen Politiker und unsere eigenen Anwälte, wenn etwas passiert.

Merken das auch die Immigranten in der Schweiz?

Hajdaraj: Ja sehr. Für uns wurde es einfacher: Wir müssen uns nicht mehr so intensiv in unserem Heimatland engagieren. Wir haben mehr Zeit und mehr Geld, das nicht in den Kosovo geschickt werden muss. Die Leute können sich mehr mit sich selbst beschäftigen, mit den Perspektiven in der Schweiz, der Freizeit, der Schule, im Job. Der Druck ist kleiner.

Wo gibt es bei der Integration von Kosovo-Albanern Probleme?

Hajdaraj: Früher kamen die Probleme vor allem daher, dass die Leute in die Schweiz kamen mit der Vorstellung, sie würden für ein paar Jahre hier Geld verdienen und dann zurückkehren. Dadurch waren sie bis vor zehn Jahren nicht gross daran interessiert, sich zu integrieren.

Welches sind die Probleme jetzt?

Hajdaraj: Die Probleme sind nicht mehr so gross. Die neue Generation lebt hier in einer anderen Situation.

Und doch erscheinen Kosovo-Albaner auffallend oft in Polizeimeldungen. Warum?

Hajdaraj: Es nicht von der Kultur abhängig, ob jemand die Gesetze befolgt oder nicht. Das hängt von der Persönlichkeit ab. Es gibt überall anständige und unanständige Leute.

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