Ein Mehrwert an Erinnerungen

Rund 350 Leute liessen am Wochenende im Museum Blumenstein in Solothurn ihre Schätze von Experten schätzen.

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Die Welt der Münzen kennt keine Grenzen.

Die Welt der Münzen kennt keine Grenzen.

Solothurner Zeitung

Andreas kaufmann

Jeder wird ein bisschen zum Kurator, wenn er auf dem Estrich Familienerbstücke abschreitet. Einmal im Jahr ermutigt das Museum Blumenstein dazu, Schätze und ihre Geschichten abzustauben und ans Tageslicht zu zerren. Auch am Samstagmorgen trotzen viele Besitzer dem Sturm und stapfen durch den Schnee zum Museum. In Plastiksäcken und Schachteln tragen sie die kollektive Erinnerung ihrer Familie, in ihren Köpfen die passenden 1000 Fragen dazu. Das Museum ist für einmal nicht bloss Teleskop in die Vergangenheit des Abendlandes, sondern Spiegel der Familiengeschichte. Wahrscheinlich ziehen keine ägyptischen Grabschätze, keine Picassos und keine Rodins an den Experten und Restauratoren vorbei. Ansonsten wird alles zwischen alt und scheinbar alt sowie zwischen Kitsch und Kostbarkeit unter die Lupe genommen: vom goldenen Stockgriff in Löwenkopfform bis zum Porzellanset, von der Teufelsskulptur bis zum Henkerbeil, das als Waffe hier aber nicht eingeschätzt werden kann.

Numismatiker Jürg Nussbaumer muss sich hauptsächlich mit nüchternen Fragestellungen herumschlagen: «Dann wollen die Leute wissen, ob sie ihre Münzen angesichts des hohen Goldkurses einschmelzen sollen.» Doch hält er heute auch einen Denar des Bistums Lausanne in den Fingern: «Vor 50 Jahren hat die Besitzerin ihn beim Kabisausmachen gefunden.» Keine Rarität, auch nicht sonderlich kostbar. Und doch schimmern auf der Patina die Geschichten, die die Münze erlebt hat. Solche Erlebnisse machen den ehrenamtlich bestrittenen Anlass für ihn und die anderen Experten lohnenswert.

«‹Habt Freude an euren Erinnerungsstücken und tragt Sorge zu ihnen›, das wollen wir den Leuten hauptsächlich mit auf den Weg geben», hält Erich Weber, Konservator des Museums, fest. Auch wenn Enttäuschungen über den materiellen Wert oft unvermeidbar sind, eine Aufmunterung erzielt ihre Wirkung. Ein Gemälde, das den Blick durch ein Chalet auf eine Alpenlandschaft offenbart, wird gerade von Hannes Hugentobler vom Auktionshaus Zofingen unter die Lupe genommen. «Lohnt sich die Restauration?», fragt die Besitzerin und erhält die Antwort: «Eher nicht, aber behalten Sie das Bild doch als Erinnerung an ihre Mutter.» Ideellen Wert hat auch die Schützenfahne, die die Besucherin Martina Selz mitgebracht hat: «Es ist spannend zu erfahren, welche Hintergründe die Fahne von 1911 hat,und wie man sie pflegen muss.»

«Spitzenstück um Spitzenstück» habe er zu sehen bekommen, schwärmt Fredy Isch, Uhrmacher aus Solothurn: von der Taschenuhr vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur IWC-Anhängeruhr. Er und Hans-Peter Hertig, ehemaliger Konservator des Uhrenmuseums Oberhofen, sind heute Lebensretter für Kostbarkeiten, die sonst aus Unwissenheit eingeschmolzen worden wären. Ein Ritterbuch aus dem 16. Jahrhundert liegt vor dem Restaurator Martin Gasser. Er überrascht den Besitzer positiv. «Sonst wird der Wert der Massenware Buch eher überschätzt.» Es kann auch entlastend sein, den Besitzern einen tiefen Verkaufswert mitteilen zu müssen. Dies erklärt Ulli Freyer, Möbelrestaurator, so: «In einem Fall mit Erbstreitigkeiten ist man vielleicht erleichtert, wenn das Möbelstück keinen Wert hat.» Doch was wirklich wertvoll ist, lässt sich letztlich nur subjektiv beantworten. Ein Mehrwert ist allemal ersichtlich: «Zu den Familienlegenden, die sich um die Gegenstände ranken, liefern wir die Fakten dazu», schildert Simon Ettlin, Auktionshaus Zofingen.

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