Ein Leben im Lastwagen
Ein Leben im Lastwagen

Warum Peter und Sylvia Stotz aus Elfingen schon vor dem grossen Aufbruch in ihr Mobilhome gezogen sind.

Merken
Drucken
Teilen
Leben im Lastwagen bereits vor der Reise

Leben im Lastwagen bereits vor der Reise

Peter Belart

Es war nicht Peter, sondern Sylvia Stotz, die vor einigen Jahren die Idee zum ersten Mal zur Sprache brachte. Ihr Mann stand relativ kurz vor der Pension, und da macht man sich natürlich schon ein paar Gedanken über die Zukunft. Peter fasst halb scherzhaft, halb im Ernst zusammen: «Wie sollten unsere nächsten Jahre aussehen? Wollten wir uns wirklich nur noch in beschaulicher Bescheidenheit auf die Bank vor unser Haus setzen und griesgrämig über die heutige Jugend lästern? Oder wollten wir einen Teil unseres bisherigen Lebens loslassen und uns gemeinsam auf den Weg hin zu neuen Erfahrungen, zu neuen Begegnungen, zu neuen Welten machen? Die Entscheidung fiel uns nicht schwer!»

Fahrzeug auf Mass

Allein der Gedanke an den grossen Aufbruch weckte unerhörte Energien. Zunächst sammelte das Paar alle nur greifbaren Hinweise auf Fahrzeuge, die sich für eine sehr lange Reise eignen könnten. Schliesslich stiess Peter Stotz auf die Firma RL-Mobile GmbH im aargauischen Auw. Es folgte ein ausführliches Gespräch, in dem sämtliche längst schon aufgezeichneten Wünsche an das Expeditionsfahrzeug erörtert wurden. Auf der «Unterlage» eines MAN, eines Baustellenfahrzeugs mit langem Radstand und zuschaltbarem Allradantrieb, sollte eine Wohneinheit aufgebaut werden. Diese umfasst etwa die gleichen Elemente wie ein Camper, ist aber bewusst sehr stabil konzipiert und weist eine ganze Reihe von zusätzlichen Details auf, die auch ein Leben fern der Zivilisation ermöglichen. Ausserdem wurde in verschiedenster Hinsicht auf die Ansprüche von Jake, einem stattlichen schwarzen Flat-Coated-Retriever-Hund, der selbstverständlich mit von der Partie ist, Rücksicht genommen.

Unfall stellte vieles infrage

«Unsere Finanzlage und die wegen zweimaliger Arbeitslosigkeit arg reduzierte Rente erlauben es uns nicht, das Haus und das Fahrzeug gleichzeitig zu halten. Also entschieden wir uns, alles zu verkaufen.» Bereits im Sommer 2007 zügelten die Stotz auf den Campingplatz Wil. Und im September veräusserten sie den gesamten Hausrat. Die Abreise in die grosse weite Welt schien schon bald bevorzustehen. Doch dann verunfallte Sylvia. Sie wurde von einem Auto angefahren und trug sehr schwere Verletzungen davon. «Alles war von einem Moment auf den andern infrage gestellt.»

Befreiende Reduktion

Aber Sylvia erholte sich nach und nach wieder; die Reise wurde wieder zum Thema. Ende Juni 2009 wurde das bestellte Expeditionsfahrzeug, ein Riesending, ausgeliefert und vor das leere Wohnhaus in Elfingen gestellt. Peter und Sylvia zügel-
ten vom Campingplatz in den «Lastwagen». Und seither wohnen sie darin. «Es war eine wunderbare Erfahrung, all die tausend Dinge, die wir im Grunde genommen gar nicht benötigen, wegzugeben», sagt Peter Stotz. «Im Moment besitze ich zum Beispiel gerade noch zwei Paar Hosen.» Er öffnet jede Abdeckung im Innern und ausserhalb des Fahrzeugs. Alles ist tadellos geordnet, sauber beschriftet: Werkzeuge, Vorräte, Hundefutter, Büromaterial, Kabel, Schlauch, Motorsäge. «Ohne eine hundertprozentige Ordnung geht es nicht.»

Alles ist auf der Reise offen

Jetzt müssen noch einige Versicherungsfragen geklärt werden, dann solls losgehen. Wohin eigentlich? – «Mal schauen. Zuerst wollten wir nach Halifax einschiffen und von dort aus zunächst den ganzen amerikanischen Doppelkontinent erkunden, dann nach Australien und schliesslich nach Asien übersetzen. Vielleicht beginnen wir aber einfach mal in Europa. Wir werden sehen.» – Wie lang? – «Vielleicht ein Jahr, vielleicht fünf oder acht oder zehn Jahre. Wer weiss?» – Und danach? – «Danach? Wer kann das schon sagen! Vielleicht sterben wir ja unterwegs. Oder wir bleiben an einem Ort, der uns ganz besonders gut gefällt. Man wird sehen.»

Up, up and away – aufbrechen, weggehen, Altes zurücklassen und Neues entdecken –, steckt nicht ein Stück dieses Wunsches in allen von uns? Sylvia und Peter Stotz lassen aus dem Wunsch Realität werden.