Kinderlosigkeit
«Ein Kind wäre doch unser grösster Herzenswunsch»

Was es bedeutet, wenn man keine Kinder bekommen kann. Ein Paar erzählt seine Geschichte.

Andrea Marthaler*
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Am Anfang dachten sie noch, das werde ein Klacks. «Du machst eine künstliche Befruchtung – und zack, bist du schwanger», sagt Anna (Namen geändert). Die 32-Jährige sitzt am grossen Tisch aus Nussbaumholz, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengerafft. Vor vier Jahren wünschten sie und ihr 43-jähriger Mann Dario sich erstmals ein Kind. Die beiden führen zusammen eine erfolgreiche Anwaltskanzlei, leben in einer schönen Wohnung mitten in einer Aargauer Altstadt und sind gesellschaftlich gut integriert.

Trotzdem fehlte noch etwas in der Partnerschaft. «Ein Kind wäre unser grösster Herzenswunsch», sagt Dario. Denn die beiden sind charakterlich ziemlich verschieden. Während Anna die quirlige Persönlichkeit ist, die ständig unter Leuten ist, bezeichnet sich Dario als den ruhigen Pol.

Der Embryo wollte sich aber nicht in Annas Körper einnisten. Nachdem sie die Pille abgesetzt hatte, wurde sie nicht schwanger. Eine Untersuchung zeigte, dass Darios Sperma sehr schlecht ist. Die Spermien bewegten sich kaum.

Die Chance auf natürlichem Weg ein Kind zu zeugen, ist gering. In schnellem Tempo erzählt Anna von ihren künstlichen Befruchtungen. Wirft mit medizinischen Begriffen um sich und erklärt dem Laien geduldig, wie die Behandlung abläuft. Nur zwischendurch wird sie emotional. Dann klopft sie rhythmisch mit dem Finger auf den Tisch. Ihre Nägel sind gepflegt, genauso wie ihr gesamtes Äusseres.

Seit drei Jahren in Behandlung

Anfang 2008 begaben sich Anna und Dario am Kantonsspital Luzern in Behandlung. Der Erfolg blieb aus. Eine Zweite erfolgte ein Jahr später. «Viele Frauen werden bei der zweiten Behandlung schwanger. Also ging ich guten Mutes in die zweite künstliche Befruchtung», sagt Anna. Doch auch dieses Mal zeigten die Schwangerschaftstests ein negatives Ergebnis. Anna führte es auf ihren Stress im Beruf zurück.

Ein dritter und letzter Versuch sollte dieses Jahr endlich zur Schwangerschaft führen. Um die Erfolgsaussichten zu steigern, wechselten sie ins österreichische Bregenz, wo die gesetzlichen Bestimmungen weniger strikt sind als in der Schweiz. Im Unterschied zur Schweiz dürfen dort die Eizellen länger im Reagenzglas bleiben. Sie sind dadurch bei der Rückgabe weiter entwickelt.

Neben den körperlichen Belastungen – Hormone spritzen, Eizellen entnehmen, Eizellen einpflanzen – sei vor allem die Wartezeit zwischen Rückgabe der befruchteten Eizelle und Test belastend. «Das Schlimmste ist das Gefühlschaos. Ich bin sonst sehr vernünftig und eigentlich kein Gefühlsdusel. Doch während der Behandlung schwankte ich zwischen: Was, wenn es nicht klappt, und was, wenn ich Zwillingsmama werde», erzählt Anna. «Ich wäre eine ängstliche Mutter.

Ohne Kind bleiben mir viele Sorgen und Ängste erspart.» So versuchte sie sich zu trösten, wenn es wieder nicht geklappt hat. Sie machte sich auch Gedanken um ihre Unabhängigkeit: «Ferien und auswärts essen wären nicht mehr so gut möglich.»

Trotzdem überwog jeweils der Wunsch nach einem Kind. «In manchen Momenten bin ich richtig besessen vom Gedanken an ein Kind», sagt sie. Für sie sei es der Sinn des Lebens, ein Kind grosszu-ziehen.

Beste Freundin wurde schwanger

Auch in ihrem Umfeld wurde nicht verstanden, wieso das erfolgreiche Paar keine Kinder hat. «Wir werden häufig gefragt, ob wir kein Kind wollen», so Anna. Da geriet sie jeweils in Erklärungsnot. Sie will nicht als egoistische Karrierefrau gelten.

Gleichzeitig will sie aber auch kein Mitleid bekommen. «Ich bin nicht der Typ, der die Trauer mit anderen Leuten teilt. Es kann sowieso niemand helfen.» So erzählte sie lange Zeit niemandem von ihrem Schicksal, nur gerade der engste Familienkreis wusste vom unerfüllten Kinderwunsch.

Besonders hart war das Schweigen gegenüber ihrer besten Freundin. «Wir haben uns immer gewünscht, gemeinsam schwanger zu sein, nebeneinander auf der Entbindungsstation zu liegen und unsere Kinder gemeinsam grosszuziehen.»

Als Anna jedoch mit der künstlichen Befruchtung begann, hatte die beste Freundin bereits eine einjährige Tochter und war zum zweiten Mal schwanger. Doch neidisch sei sie nie gewesen. «Irgendwie schaffte ich es, mich ehrlich für sie zu freuen.» Anna wurde sogar Gotte der Kleinen.

Kinderlosigkeit als Reifeprozess

Im Umgang mit anderen schwangeren Frauen war der unerfüllte Kinderwunsch allerdings präsenter. Als Anna einmal mehr von einem negativen Befund erzählt, ereifert sie sich: Erst kürzlich sei eine junge Frau in ihre Praxis gekommen, schwanger mit dem zweiten Kind und bereits wieder getrennt vom Erzeuger. «Ich empfinde es als ungerecht, dass sie ein Kind bekommen kann und ich nicht.» Dabei könne sie einem Kind alles bieten, was es braucht. «Ich bin wohl zu wenig sorglos, um ein Kind zu kriegen», platzt es aus ihr raus. Sie wäre für das Kind vollkommen da. «Ich denke, dass jede Frau, die lange auf das Kind wartet, eine viel bewusstere Mutter sein wird.» Für einmal spricht sie bedächtig. Als ob sie sich beweisen müsste, dass die lange Wartezeit und die vielen Enttäuschungen doch etwas Positives haben. Tatsächlich zehrte jeder negative Schwangerschaftstest an Annas Frohnatur. «Ich habe zwei Tage nur geweint», beschreibt sie ihren Tiefpunkt nach dem zweiten negativen Test. «Ich bin sonst ein so fröhlicher Mensch, der immer alle zum Lachen bringt. Ich erzähle und unterhalte den ganzen Tag. Nun bin ich anders geworden.»

Mann ist hilflos

Sie sei erwachsener geworden, reflektiert Dario. «Anna hatte eine behütete Kindheit. Das Studium war vorgespurt. Die Kanzlei habe ich aufgebaut.» Die Schwangerschaft war das Erste, das ihr nicht gelingen wollte. Ein Kind wäre eine Aufgabe, die sich Anna sehnlichst wünscht. Zwar machte sie sich schon Gedanken, was wäre, wenn sie kinderlos blieb. «Ich würde eine neue berufliche Herausforderung suchen», sagt sie. Welche, weiss sie allerdings nicht.

Besonders zu schaffen machte Anna neben ihrer eigenen Traurigkeit, dass ihr Mann völlig hilflos war und nicht wusste, wie er sie trösten soll. «Die Frau trägt die ganze Verantwortung. Mein Anteil daran ist verschwindend klein», sagt Dario. Trotzdem sei er sich bewusst, dass er einen Teil der Schuld trägt: «Es war schlimm, zu sehen, wie meine Frau litt. Mit einem anderen Mann wäre sie vielleicht schon längst schwanger.»

Erneuter Versuch letztes Jahr

Im Frühling dieses Jahres begab sich das Paar nach Bregenz in Behandlung. Sie sprach auf die Behandlung an, alles lief normal. Doch in der Nacht, nachdem die Eizellen entnommen wurden, erwachte Anna mit Schmerzen im Bauch und musste ins Spital gebracht werden. Sie hatte eine Überstimulation durch die vielen Hormone. Wasser sammelte sich im Bauch, im schlimmsten Fall kann eine Frau daran sterben. «Mein Körper ist erschöpft, meine Seele auch», schreibt sie noch aus dem Spital.

Gleichzeitig fasste sie den Gedanken, endlich ihr Schweigen über die künstliche Befruchtung zu beenden. Sie weihte Freunde und Familie ein. Schliesslich musste sie erklären, weshalb sie ins Spital eingeliefert wurde. Was folgte waren viele Fragen und Mitleid. Vor allem Letzteres hatte Anna nie gewollt. «Um wirklich zu verstehen, was ich durchmache, muss man das selber erlebt haben.» Trotzdem war Anna froh, endlich das Schweigen gebrochen zu haben und sich nicht mehr für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen zu müssen.

Als Annas Körper nach der Überstimulation den natürlichen Rhythmus wiedergefunden hatte, fuhr sie im August erneut nach Bregenz. Dort warteten zwei eingefrorene befruchtete Eizellen. «Ich hatte nicht mehr viel Hoffnung, doch wollte ich meine Kinder in Bregenz abholen.»

Dennoch war sie vom negativen Test erschüttert. «Ich war sehr traurig. Ich habe sehr viel geweint. Normalerweise bin ich keine Heulsuse», sagt Anna. Tage, Wochen, gar Monate später noch litt sie unter der nicht eingenisteten Schwangerschaft. «Irgendwann hat man zwar keine Tränen mehr. Doch man fühlt sich antriebslos, müde schlapp und einfach freudlos.» Total 30 000 Franken haben sie in die Behandlungen investiert, ohne dadurch ein Kind bekommen zu haben.

Erneuter Versuch in diesem Jahr

Zu ihrem eigenen schlechten Zustand kam, dass sich dieser auf ihre Beziehung auswirkte. Anna war immer die Animierende der beiden, währenddessen Dario die ruhigere Persönlichkeit ist. Nun fehlte der fröhliche Part in der Beziehung. Sie machten sich Gedanken, ob sie als Paar zusammenbleiben oder ihr Glück mit einem neuen Partner suchen sollten. Auch eine Fremdsamenspende oder Adoption kam zur Sprache.

Doch beides lehnen Dario und Anna ab. Zum innigen Wunsch,die eigenen Gene weiterzugeben, kommt die Angst, dass ein fremdes Kind später unter der Situation leiden könnte. «Man weiss nie, was für Menschen die leiblichen Eltern waren und wie sich das Kind entwickelt», sagt Dario. Statt ein fremdes Kind aufzuziehen, wollen sie doch lieber kinderlos bleiben. «Unser Leben funktioniert auch ohne Kind», betont Anna. Dario nickt zustimmend. Trotzdem werden sie dieses Jahr noch einmal einen Versuch der künstlichen Befruchtung beginnen.

* Die az-Redaktorin absolviert die Diplomausbildung Journalismus am Medien-Ausbildungs-Zentrum (MAZ) in Luzern. Dieser Artikel ist ihre Diplomarbeit.

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