Übergewichtige Kinder
Ein Impuls für die ganze Familie

Der Kanton Zürich führt erstmals ein Camp für übergewichtige Kinder durch. Mit einem einwöchigen Camp in Davos sollen 21 übergewichtige Kinder und ihre Familien zu mehr Bewegung und gesunder Ernährung motiviert werden.

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Limmattaler Zeitung

Sidonia Küpfer
Ein wenig Überwindung brauchte es schon: «Anfangs wollte ich mich nicht anmelden, aber dann hab ich es mir doch noch anders überlegt», sagt die 12-jährige Jessica. Sie ist eines von 21 Kindern, die sich für das erste kantonale Jugendsportcamp für übergewichtige Kinder in Davos angemeldet haben. Während einer Woche werden Jessica und die anderen Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren täglich vier Stunden Sport treiben und ihr Essen unter Anleitung einer Ernährungsberaterin selbst kochen. In Gruppengesprächen mit einer Psychologin werden verschiedene Aspekte von Übergewicht besprochen.

Übergewichtige Kinder

Ein Fünftel der Jugendlichen und Kinder sind übergewichtig, rund fünf Prozent davon sind stark übergewichtig. Der Regierungsrat des Kantons Zürich hat sich für die Legislatur 2007 bis 2011 zum Ziel gesetzt, den Anteil der Bevölkerung mit Adipositas - also einem Bodymassindex von über 30 - zu stabilisieren. Im Rahmen des kantonalen Aktionsprogramms «Leichter Leben. Gesundes Körpergewicht im Kanton Zürich» wurden 30 Massnahmen definiert, um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Das kantonale Jugendsportcamp für übergewichtige Kinder ist eine davon. (SKE)

Vom Lager erhofft sich Jessica, dass sie neue Leute kennen lernt, mit denen man auch «über das Problem sprechen kann». Denn in der Schule sei dies weniger gut möglich. Das Lager startete am Samstag mit einem Familientag: Die Kinder reisten mit ihrer Familie nach Filzbach ins kantonale Sportzentrum Kerenzerberg oberhalb des Walensees. Dort begrüsste Regierungsrat Hans Hollenstein die Eintreffenden. «Musstet Ihr auch so früh aufstehen wie ich?» wollte er von den Kindern wissen, aber denen scheint dies kaum etwas ausgemacht zu haben.

«Meine Frau isst so langsam»

Der Anwesenheit der Eltern kommt eine hohe Bedeutung zu. Das Camp soll der ganzen Familie neue Impulse geben punkto Bewegung, Essen und Lebensgestaltung, wie Hollenstein erklärte. Die Eltern sind bei den medizinischen Abklärungen dabei und erhalten speziell an sie gerichtete Informationen zu gesunder Ernährung.

Dass gerade auf diesem Gebiet viele Unsicherheiten bestehen wird rasch klar: «Wie kann ich den Kindern ein gesundes Essen vorkochen, wenn ich arbeiten muss?» fragt eine Mutter die Ernährungsexpertin Annemarie Gluch. «Wie erreiche ich, dass am Abend auch der Salat gegessen ist?» Auch die von Gluch vorgeschlagenen Essensregel, dass die Familie gemeinsam zu essen anfängt und am Tisch sitzen bleibt, bis das letzte Mitglied fertig ist, gibt zu reden: «Aber meine Frau isst immer so langsam», wirft ein fülliger Vater ein und sorgt für Gelächter. Annemarie Gluch erklärt ihm aber, dass gerade langsames Essen positiv sei, weil man so weniger esse.

Keine Feuerwehrübungen

Das Lager sei bewusst interdisziplinär und auf nachhaltige Erfolge angelegt, erklärt Hans Hollenstein. Abnehmen sei in dieser einen Woche nicht das Ziel: «Das wäre eine Feuerwehrübung». In erster Linie solle die Woche den Kindern aber Spass an der Bewegung vermitteln und positive Erlebnisse ermöglichen.

Nun steht die erste Sporteinheit auf dem Programm. Eltern und Kinder sollen sich gemeinsam bewegen. Die Aufgaben sind auf Geschicklichkeit und Koordination ausgerichtet und spielerisch: Jonglieren, Balancieren und klettern gehören dazu. Beliebt sind die «Affenschwänze»: An den lianenähnlichen Seilen schwingen sich Kinder und Erwachsene von Langbank zu Langbank. Aber für manche ist diese Aufgabe zu hoch gesteckt, sie können sich nicht lange genug festhalten.

Davos als Pluspunkt

Besonders grosse Begeisterung löst das Minitrampolin aus. Drei Jungs stellen sich immer wieder an und probieren jedes Mal wagemutigere Sprünge. Der 13-jährige Roman hat sich angemeldet, weil er einfach gerne Sport treibe. «Und dann ist das Lager in Davos», erklärt er - das allein sei fast schon Grund genug gewesen, sich anzumelden. Auch dass sie selbst kochen müssen, schreckt ihn nicht ab: «Das kenne ich schon aus der Schule», meint er.

400 Franken kostet das Lager für die Eltern. Der Kanton übernimmt die restlichen 800 Franken pro Kind. Der Kanton kümmert sich um das Gewicht seiner Bevölkerung? Wie weit darf er dabei gehen und wo liegen die Grenzen der persönlichen Freiheit? Hollenstein ist dieses Dilemma bewusst: «Wir können und wollen niemandem etwas befehlen», sagt er. Aber die Zürcher Regierung hat sich die Stabilisierung des Trends zu immer mehr Übergewichtigen auf die Flagge geschrieben und ein Bündel von 30 Massnahmen getroffen, durch die die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert werden soll. Denn: «Die negativen Folgen von Übergewicht sind ja bekannt», meint Hollenstein und gibt unumwunden zu, dass auch er sich punkto Ernährung schon habe beraten lassen.