Handwerk
«Ein Handwerk sucht Nachwuchs»

Gutes Handwerk ist vom Aussterben bedroht. Denn Handwerk ist teuer und es braucht Ausdauer und jahrelange Erfahrung, bis man etwas «kann». Noch nicht vom Aussterben bedroht ist das Orgelbau-Handwerk. Doch Nachwuchsprobleme gibt es auch da.

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Orgelbau-Handwerk

Orgelbau-Handwerk

Bezirks-Anzeiger Dietikon

*Marc Landis

Es wird Holz gesägt, geschliffen und geleimt, Zinn und Blei gegossen, gehobelt, gehämmert und gelötet. Und wenn nach 15 000 Arbeitsstunden endlich Spieltisch, Register, Tasten, Trakturen, Ventile, Windladen, Labiale, Linguale funktional zusammengefügt sind, klingt das Endprodukt majestätisch, glorios, ehrfurchtgebietend.

Und übertönt sogar eine beherzt singende Kirchgemeinde mühelos: die Kirchenorgel. Aber - wie lange wird sie noch klingen? Wie lange wird es sie noch geben, die Handwerker, welche die Kunst beherrschen, aus einem Baumstamm ein makelloses Orgelgehäuse zu fertigen? Handwerker, die wissen, wie man 3200 Orgelpfeifen so arrangiert, dass es einem die Nackenhaare aufstellt, wenn der Organist in die Pedale tritt und in die Tasten greift und Bachs «Toccata & Fuge in d-Moll» von der Empore schmettert?

Orgelbauer, oder nach neuer Berufsbezeichnung «Musikinstrumentenbauer EFZ», ist in einer virtuell geprägten Welt von Facebook und Co. wohl nicht der Beruf, der bei den Schulabgängern mit Jahrgang 1993 oder 1994 zuoberst auf der Wunschliste steht. Die Lehre dauert vier Jahre und es muss vielerlei Talente mitbringen, wer diesen Beruf ergreifen möchte. Und Liebe. Die steht sogar als nötige Anforderung im Merkblatt der Gesellschaft Schweizerischer Orgelbaufirmen: «die Liebe zur handwerklichen Arbeit und entsprechende Handfertigkeit».

Von Vorteil sei auch «eine künstlerische Ader». Und ebenso dazu gehöre eine gute Beziehung zur Musik, Religion und zur Natur. Zusätzlich brauche überdurchschnittliches musikalisches Gehör und Kenntnis des Orgelspiels sowie der Orgelliteratur, wer sich zum Intonateur oder Stimmer weiterbilden möchte. Für die Weiterbildung zum Konstrukteur bzw. Orgelplaner werden ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, Geschicklichkeit im Zeichnen und gestalterischer Geschmack benötigt.

Beim Beruf des Pfeifenmachers sei zudem erwähnenswert, dass keinerlei Gefahren durch giftige Dämpfe bestünden im Zusammenhang mit dem Blei beim Giessen und Löten. Das zeigten Untersuchungen der Suva. Klingt nach einem interessanten Beruf. Trotzdem: «Uns fehlt der Nachwuchs», erklärt Mathias Metzler von der traditionsreichen Orgelbau Metzler AG in Dietikon. «Seit etwa unser alter Säger in Pension ging, suchen wir nach Ersatz für ihn. Wir mussten unseren 84-jährigen Onkel Oskar wieder engagieren.» Onkel Oskar ist ein Enkel des Firmengründers Jakob Metzler, der die Firma 1890 im bündnerischen Jenaz gegründet hatte. Übrigens war es Oskar Metzler, der die heutige Sägerei hinter dem Haus baute. Damals, vor über 40 Jahren, «zur Qualitätssicherung». Mit anderen Worten: Nur selbst eingesägtes Holz genügt den Ansprüchen für eine Metzler-Orgel.

Heute zieht mit Andreas und Mathias Metzler schon die vierte Orgelbauer-Generation die Register bei Metzler Orgelbau. Zurzeit arbeiten die Metzlers an einem Grossauftrag. Nach Düren bei Aachen (D) wurde im Januar eine Orgel geliefert. Bis sie aufgebaut ist, dauert es aber noch ein paar Wochen. Die Einweihung ist am 21. März.

Warum Mathias Metzler Orgelbauer geworden ist? «In meiner Kindheit gingen wir oft mit unserem Vater zum Orgel-Einweihungsfest. Das waren oft tolle Momente. Und das Resultat, die fertige Orgel, die dann auch noch so schön klang, ja, das hat mich schon fasziniert.» Wie viel Arbeit im Bau einer Orgel steckt, erfuhr er dann allerdings erst in der Lehre. Jede Pfeife, jede Taste, jede Traktur - fast alles ist Handarbeit.

Und obwohl mittelfristig ein Mangel an qualifiziertem Nachwuchs droht, ist der Orgelbau ein krisenresistentes Geschäft. Zumindest für die Metzlers. Während in Düren die fertige Orgel eingebaut wird, ist die nächste längst in Arbeit. «Die Bücher sind für die nächsten zwei Jahre voll», sagt Mathias Metzler.

*Marc Landis studiert Journalismus am Medienausbildungszentrum in Luzern. Dies ist seine Diplomarbeit.