Baden
Ein Freispruch mit scharfer Kritik

Die angeklagten Badener Polizisten wurden zwar wie erwartet freigesprochen, trotzdem mussten sie bei der Urteilverkündigung Kritik einstecken. Auch die Polizei bekam etwas zu hören.

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Maja Sommerhalder

Ruhig sitzen sie im Badener Gerichtsaal- die beiden Angeklagten Polizisten B. (41) und K. (29). Die Zuschauer warten gespannt bis Einzelrichterin Andrea Staubli endlich ihr Urteil verkündet. Die zwei Polizisten sind der fahrlässigen Tötung beschuldigt. Sie hatten während einem Einsatz im September 2007 in Fislisbach den psychisch angeschlagenen A. erschickt (siehe Kasten).

«Die beiden Angeklagten sind freigesprochen», sagt Staubli dann kurz nach halb sechs. Die Verfahrenskosten übernehme der Staat. «Die beiden Angeklagten erhalten aber keine Entschädigung, so wie das ihr Verteidiger vor zwei Tagen forderte.»

Staatsanwältin forderte Freispruch

Eine Überraschung ist dieses Urteil nicht. Denn schon bei der Verhandlung am Dienstag plädierte Staatsanwältin Christina Zumsteg für den Freispruch der Angeklagten, wie in dieser Zeitung stand. Nach dem Grundsatz «Im Zweifel für das Härtere» war sie rechtlich dazu verpflichtet, Anklage zu erheben.

Lagebedingtes Ersticken

Die Polizisten B. und K. der Regionalpolizei Rohrdorferberg-Reusstal wollten am 11. September 2007 in Fislisbach den psychisch angeschlagenen A. ins Kantonsspital bringen. Nach einer Auseinandersetzung fixierten die Beamten den 41-Jährigen in Bauchlage mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Dabei starb der Mann am «lagebedingten Ersticken.» Die Polizisten gaben an, dass sie nicht ausreichend über dieses Phänomen informiert worden waren. (som)

Dass eine Anklägerin für den Freispruch plädiert, ist ungewöhnlich. Zumsteg begründete ihren Entscheid so: B. und K. hätten weder ihre Sorgfaltspflicht missachtet - «denn sie verfügten über keine adäquate Ausbildung» - noch den Tod von A. voraussehen können.

Mangelhafte Ausbildung

Mit ähnlichen Worten begründet gestern Einzelrichterin Andrea Staubli den Freispruch: «Die beiden Polizisten waren nicht explizit über den lagebedingten Erstickungstod informiert worden.» Diesen Mangel in der Polizeiausbildung kritisiert sie scharf: «Obwohl nach dem Vorfall Verbesserungen unternommen worden sind, ist die Ausbildung noch immer nicht umfassend genug.» Die Regional- und Kantonspolizei seien gefordert, da die Polizisten immer mehr mit psychischkranken Menschen zu tun hätte. «Denn jedes Opfer, das während einem Polizeieinsatzes erschickt, ist eines zu viel.» Kritik übt sie nicht nur an den Ausbildungsstandards der Polizei, sondern auch an den angeklagten Polizisten selbst: «Gestern sagten die Angeklagten, dass sie nochmals gleich handeln würden. Das bestürzt mich.» Denn es sei offensichtlich, dass die Polizisten Fehler gemacht hätten: «Natürlich wussten sie es nicht. Trotzdem darf sich so etwas nicht wiederholen. Das ist eine moralische Verpflichtung gegenüber den Angehörigen des Opfers.» Die Polizisten hätten sich bei ihnen entschuldigen sollen.

Opferanwältin Patrizia Danioth jedenfalls macht nach der Urteilsverkündigung deutlich, dass sie nicht zufrieden ist: «Wir überlegen uns, ob wir das Urteil anfechten wollen.» Sicher sei, dass sie eine Zivilklage gegen die Gemeinden, die der Regionalpolizei Rohrdorferberg-Reusstal angeschlossen sind, einreichen wird.