Ein einig Volk von Christen?

Ein einig Volk von Christen?

Frau mit Kreuz (Christin)

Frau mit Kreuz (Christin)

Im Aargau berufen sich die zwei Landeskirchen, etwa zehn Freikirchen und mindestens eine Sekte auf die Bibel. Das sind 80 Prozent der Bevölkerung im Kanton. Doch – glauben alle dasselbe?

Sabine Kuster

Der «Sonntag» stellte an dieser Stelle vor zwei Wochen fünf gläubige Musliminnen vor. Doch was ist mit den Christinnen und Christen im Aargau? Zumindest darin sind sie sich einig: Gott hat die Welt erschaffen. Doch wenige Zeilen weiter in der Bibel, wo es ums Paradies geht, scheiden sich die christlichen Geister. «Adam und Eva haben nicht gelebt», sagte die reformierte Akke Goudsmit in Windisch. «Es ist bloss eine Legende, um deutlich zu machen, wie die Menschen miteinander umgehen.» Die Katholikin Susanne Ganarin aus Wohlen pflichtet ihr bei. Die beiden Mitglieder der Freikirchen sind nicht einverstanden. Dennoch basiert der Glaube von allen auf der Bibel.

Die folgenden Porträts vermögen in ihrer Kürze bloss an der Oberfläche der unterschiedlichen Glaubensrichtungen zu kratzen. Doch sie sollen vor allem zweierlei zeigen:

Erstens: Die Vielfalt an Glaubensgruppierungen im Aargau neben der Katholischen und der Reformierten Landeskirche.

Nicht porträtiert wurden hier aus Platzgründen zum Beispiel Mitglieder der Minoritätsgemeinde, der Freien Christengemeinde, des Evangelischen Brüdervereins, der Baptistengemeinde, der Pfingstgemeinde, der Methodistischen Kirche und der Heilsarmee. Der Glaube der Freikirchen basiert auf dem Evangelium, also vor allem dem Neuen Testament, und diesbezüglich gibt es bei den meisten von ihnen keinen Interpretationsspielraum, die Bibel wird wortwörtlich verstanden.

Zweitens: Die Porträts zeigen dennoch eine Menge Gemeinsamkeiten auf. Diese Personen versuchen alle nach dem Grundsatz «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» zu leben. Und: Sie glauben. Daran, dass es einen Gott gibt, eine Art oberste Instanz, unabhängig von der Weltpolitik. Und daran, dass sie bei ihm gut aufgehoben sind. Vermutlich war es diese Gewissheit, die bei allen während des Gesprächs Gelassenheit spüren liess.

Zeugen Jehovas

Auch ein Porträt eines Zeugen Jehovas war geplant gewesen. Doch auch nach Kompromissen beiderseits konnte kein Text gefunden werden, mit dem sowohl der Porträtierte als auch die Autorin einverstanden gewesen wären. Die Autorin willigte ein, die Glaubensgemeinschaft nicht «Sekte» zu nennen, akzeptierte aber nachträglich beschönigende Ausdrücke wie «Unvollkommenheit» anstatt «Sünden» nicht. Im betreffenden Abschnitt ging es darum, dass Zeugen Jehovas glauben, Erbkrankheiten, geistige und körperliche Behinderungen würden in der Sünde wurzeln. Auch ist das Missionieren nicht nur ein «Kennzeichen» der Gemeinschaft, sondern tatsächlich eine Pflicht der Mitglieder. Andere Aussagen hingegen wären gute Erklärungen über die Beweggründe und Glaubensregeln gewesen, wie zum Beispiel bezüglich des Missionierens: «Viele denken, wir wollen sie belästigen, aber in Wirklichkeit haben wir edle Beweggründe. Wir helfen, die Hoffnung der Bibel zu erlangen», hatte der Zeuge Jehovas im knapp zweistündigen Gespräch gesagt.

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