Ein Dampfer oder eine Kiste?

Die Gemeinde Lotzwil will die Voraussetzungen schaffen, damit die Mühle Aeschlimann ihr Lager modernisieren kann. Dagegen wehren sich Nachbarn der neuen Hallen. Der Entscheid fällt an der Urne.

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Aargauer Zeitung

Jürg Rettenmund

Keine Urnenabstimmung in Wynau

Auch in Wynau war für den eigenössischen Abstimmungstermin vom 29. November eine Gemeindeabstimmung vorgesehen. Entscheiden sollten die Stimmberechtigten über das Liegenschaftskonzept. Daraus wird nun nichts, wie der Gemeinderat mit einem kurzen Brief in den Abstimmungsunterlagen mitteilte.
Grund ist der unerwartete Abgang von Gemeindeschreiber Reto Alt wegen Veruntreuung von Geldern (wir berichteten). Als Folge dieser «ausserordentlichen Situation» beschloss der Gemeinderat am Montag an seiner ersten Sitzung ohne Alt, die Abstimmung vorläufig zurückzustellen. Ein neues Datum sei noch nicht fixiert, erklärte Gemeindepräsidentin Esther Plüss (FDP).
Mit dem Liegenschaftskonzept will Wynau vor allem die Zukunft der Gemeindeverwaltung klären. Ursprünglich standen drei Varianten zur Diskussion: Eine Sanierung des Gemeindehauses, ein Umbau des alten Schulhauses oder ein Neubau an Stelle des alten Coop an der Aegertenstrasse.
Nach einem Informationsabend legte der Gemeinderat jedoch fest, dass die Verwaltung im Gemeindehaus bleiben soll. Das alte Schulhaus soll zu einem «Vereins- und Tagungshaus» umgebaut werden. Den alten Coop will der Gemeinderat verkaufen. (jr)

Geht es um die neuen Lagerhallen der Mühle Aeschlimann, wird der Gemeinderat von Lotzwil in der Abstimmungsbotschaft fast poetisch. Von drei Schiffen, die vom längsten und höchsten «Dampfer» angeführt und in den «Hafen», das Zentrum von Lotzwil geleitet werden, schreibt er. Indem sie leicht versetzt und aufgefächert würden, wirkten die Hallen leicht und doch kompakt.

Ausgelöst hat diesen Ausflug in die Seemannslyrik Peter Aeschlimann. Als Müller in fünfter Generation möchte er auch künftig Kapitän in einer der letzten Dorfmühlen der Schweiz sein. Dafür genügen die heutigen Lagerräume nicht mehr. Mit einem Neubau auf der Matte neben der Mühle will er dieser Platznot begegnen.

Anfang Jahr stellte Aeschlimann seine Pläne an einer Informationsveranstaltung der Gemeinde vor. Damit er bauen kann, muss die Gemeinde das Land einzonen und eine Überbauungsordnung erstellen. Diese berücksichtigt die ganze, rund eine Hektare grosse Parzelle. Dort wären drei Hallen möglich.

Kisten bleiben Kisten

Kein Gehör für die Seemannsromantik der Gemeinde haben Anwohner der Matte. Statt von Dampfern sprachen sie am Informationsabend von Kisten, und diese blieben Kisten, selbst wenn die Fassaden aus einheimischem Holz gebaut würden. Besonders kritisierten sie die Höhe von 12 Metern, die analog den Vorschriften für Gewerbebauten im Baureglement gestattet werden sollten.

Kommentar

Das Leid der Leitbilder

Jürg Rettenmund

Es ist ein bekannter Kalauer zu den Leitbildern, die sich Firmen, Organisationen und Gemeinwesen landauf landab zulegen: Die Frage, ob man dieses Wort nun mit «t» oder mit «d» schreibe. Ob es wirklich eine Anleitung sei, oder ob man nicht vielmehr darunter leide.
Huttwil zum Beispiel gab sich einmal den Leitspruch «Huttwil hat Profil» - mit der Folge, dass sich der Gemeinderat von jedem, der sich mit seinem Anliegen nicht verstanden fühlte, um die Ohren hauen lassen musste, er habe wieder einmal kein Profil.
Ein klassischer Fall ist auch das Leitbild von Lotzwil. Die Gemeinde etabliert sich zum einen als attraktiver Wohnort in direkter Nachbarschaft zu Langenthal. Es ist aber auch Standort einer langen industriellen Tradition. Da letztere aus der dörflichen Struktur gewachsen ist, sind diese enger miteinander verzahnt, als dies mit heutigen Zonierungen der Fall wäre. Entsprechend grösser ist die Reibungsfläche und höher das Konfliktpotential.
Das schlägt sich auch im Leitbild nieder. Einerseits will der Gemeinderat die Qualität des Dorfes für das Wohnen bewahren, indem er die feinen Strukturen erhält. Darauf pocht Markus Luder als Nachbar des Bauprojektes der Mühle. Im gleichen Leitbild steht aber auch, dass die Gemeinde die Schaffung neuer Arbeitsplätze ermöglichen will, indem sie entsprechende Bauzonen sicherstellt.
Wie das Beispiel der Mühle zeigt, beissen sich die beiden Forderungen. Peter Aeschlimann als einer der letzten Dorfmüller im Land pocht dabei mit Recht darauf, dass es nicht nur darum geht, neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern auch bestehende zu erhalten.
Der Gemeinderat hat in dieser Situation seine Aufgabe gemacht und einen Kompromiss gesucht, der beiden Seiten Rechnung trägt. Der Vorschlag trägt der speziellen Situation von Lotzwil Rechnung und verdient Unterstützung. Dass sich Markus Luder für sein Anliegen wehrt, ist ihm trotzdem nicht zu verargen.


juerg.rettenmund@mzbern.ch

Er sei auf die Kritik von damals eingegangen, schreibt der Gemeinderat in der Botschaft für die Urnenabstimmung vom 29. November. So wurde die Höhe der Hallen abgestuft auf zwölf, zehn und acht Meter. Auch die Verkehrserschliessung wurde angepasst: Nach Fahrversuchen ist nun eine Einbahnlösung geplant, mit Einfahrt ab der der Huttwilstrasse und Ausfahrt über das Mühleareal. Für den internen Werkverkehr der Mühle soll zusätzlich eine leichte Brücke erstellt werden.

Weniger Verkehr

Bereits im Januar hatte Peter Aeschlimann zudem betont, dass durch die bessere Lagerbewirtschaftung auch eine Konzentration der Transporte auf weniger, dafür grössere Ladungen stattfinde. Die Verkehrsbelastung nehme dadurch eher ab.

Trotz dieser Anpassungen beharren bis heute zwei direkte Nachbarn auf ihren grundsätzlichen Einwänden. Deshalb sass der Gemeinderat nochmals mit Aeschlimann zusammen und konnte mit ihm vereinbaren, dass auch die grösste Halle nur zehn und nicht zwölf Meter hoch gebaut wird.

Peter Aeschlimann betont, dass er mit diesen Konzessionen zu Gunsten der Anwohner gut leben kann. Er legt zudem Wert darauf, dass er bloss für eine Halle Pläne habe. Für die beiden anderen bestehe in überblickbarer Zeit kein Bedarf.

Leitbild wird Makulatur

Gar nicht zufrieden ist Anwohner Markus Luder. Er findet das Projekt nach wie vor überrissen. Er will sich auch bei der Abstimmung einmischen und die Lotzwiler aufrütteln. Denn, betont er, es gehe nicht nur um seine eigene Aussicht ins Grüne, sondern um die Zukunft des Dorfes, wie sie auch im Gemeinde-Leitbild festgehalten sei.

Dort heisst es, Lotzwil wolle mit seiner Zonenordnung das ländliche Erscheinungsbild erhalten und voluminöse und hohe Baukörper verhindern. Das Bauprojekt der Mühle sei nicht die erste Vorlage, die dem widerspräche, und für die auch das Baureglement angepasst worden sei, sagt Luder. Er verweist auf den Thomi-Neubau und die Probleme der Drahtziegelfabrik.

Gemeindepräsident Beat Luder (SVP) zeigt zwar Verständnis für die Lage seines Bruders, gibt aber zu bedenken, dass es in solchen Fällen immer zwischen zwei Interessen abzuwägen gelte. Er ist überzeugt, dass die Gemeinde mit den ausgehandelten Anpassungen einen für beide Seiten tragbaren Kompromiss gefunden hat. Er steht deshalb klar hinter der Vorlage und ist überzeugt, dass auch die Mehrheit der Lotzwiler dies so sieht.

Ob diese in der neuen Halle eher einen Dampfer oder eine Kiste sehen, ist damit natürlich nicht gesagt.