Es ist, als ob jemand plötzlich den Schalter gekippt hätte. Kaum hat das letzte Linienschiff des Tages die Fraueninsel im Chiemsee Richtung Gstadt verlassen, sind die rund 250 Insulaner wieder unter sich. Fast jedenfalls. Wären da nicht noch ein paar Gäste, welche die Nacht in einem Hotel verbringen werden. Die Abendsonne zaubert sanfte Farbtöne auf die Wasseroberfläche, die Kiesbucht hat man als Spaziergängerin für sich allein.

Einzig einem halben Dutzend Kinder, die vergnügt in einem Garten spielen, sowie einigen Joggern begegnet man jetzt noch auf dem knapp zwei Kilometer langen Rundweg um die autofreie Insel. Auf einer kleinen Anhöhe stehen über 1000-jährige Linden, die sich schon seit Bayernherzog Tassilos Zeiten, dem Gründer des Klosters Frauenwörth, hier befinden sollen. Diese Baumgruppe gilt für viele als Kraftort.

Auf dem Platz neben dem Lindenhain stand früher die bereits 1393 erwähnte und nach der Säkularisation abgerissene Martinskirche. Heute gilt hier absolutes Bauverbot. Darum herum stehen die meisten der rund 50 Häuser, in denen früher vor allem Handwerker, die für das Kloster arbeiteten, und Fischer lebten. Noch immer leben sechs der sechs Fischerfamilien am Chiemsee auf der Fraueninsel. Geräucherter Fisch und auf der Insel gebrautes Bier sind nur zwei der vielen lokalen Spezialitäten.

Die Region Chiemsee-Alpenland liegt zwischen München und Salzburg und erstreckt sich über 1500 Quadratkilometer. Sie zählt zu Deutschlands beliebtesten Destinationen für Aktivurlauber sowie für Erholungssuchende und ist ab der Deutschschweiz per Auto oder Zug in einem halben Tag erreichbar. Neben dem «Bayerischen Meer», wie der Chiemsee auch genannt wird, gibt es in dieser Region 50 Berge und 60 Almen zu erkunden. Letztes Jahr wurden in dieser Region mit über 310 000 Einwohnern zirka 3,2 Millionen Übernachtungen von Touristen registriert. (CM)

Reiseinfos

Die Region Chiemsee-Alpenland liegt zwischen München und Salzburg und erstreckt sich über 1500 Quadratkilometer. Sie zählt zu Deutschlands beliebtesten Destinationen für Aktivurlauber sowie für Erholungssuchende und ist ab der Deutschschweiz per Auto oder Zug in einem halben Tag erreichbar. Neben dem «Bayerischen Meer», wie der Chiemsee auch genannt wird, gibt es in dieser Region 50 Berge und 60 Almen zu erkunden. Letztes Jahr wurden in dieser Region mit über 310 000 Einwohnern zirka 3,2 Millionen Übernachtungen von Touristen registriert. (CM)

Im Kloster gibts Marzipan

Als malerisches Kleinod ist der Ort seit Jahrhunderten eine willkommene Inspirationsquelle für Künstler und Schriftsteller. So soll etwa Erich Kästner hier an seinem Kinderbuch «Das doppelte Lottchen» geschrieben haben. Das Inselhotel zur Linde mit dem hübschen Garten gilt als einer der ältesten Landgasthöfe in Bayern und steht unter Denkmalschutz. Ausserdem gibt es erst seit wenigen Monaten im Gemeindehaus wieder einen «Tante Emmas Inselladl», wo man die wichtigsten Lebensmittel und ein paar andere Sachen kaufen kann.

Nicht zu übersehen auf der 13,5 Hektaren grossen Insel ist das Frauenkloster mit dem mächtigen achteckigen Glockenturm und dem Seminarbereich. Aktuell leben 21 Benediktinerinnen in dieser Gemeinschaft. Der Klosterladen ist für den Verkauf von handgefertigtem Marzipan und Klosterlikör bekannt.

Dass viele Gäste die Möglichkeit zur stillen Einkehr im Kloster nutzen, ist an der stark abgenutzten Türschwelle aus Stein zum Münster leicht erkennbar. «Seit 1230 Jahren gehen hier Menschen ein und aus», erklärt Schwester Hanna beim Friedhof als Auftakt zur Klosterführung. Interessant ist der Mix an Baustilen: Das heutige Kirchengebäude ist romanischen Ursprungs (11. Jahrhundert) und steht auf karolingischen Fundamenten. Die Gewölbe der Kirche stammen aus gotischer, die Altarausstattung aus barocker Zeit.

Früher reichte das Seewasser bis zur gewaltigen Klostermauer. Dann wurde der Chiemsee mehrmals künstlich abgesenkt (letztmals 1904). Seither kann man um die ganze Anlage herumlaufen und findet dem Ufer entlang zahlreiche idyllische Plätzchen. Einzelne Ordensfrauen nutzen den Seezugang hinter dem Kloster regelmässig für einen erfrischenden Morgenschwumm. Überhaupt lohnt es sich, früh rauszugehen und zu beobachten, wie der Tag erwacht und die Fischer vom Fang zurückkommen.

Eine Kopie vom Schloss Versailles

Kurz bevor die Tagestouristen die Fraueninsel wieder in Beschlag nehmen, geht die Reise am nächsten Tag mit dem Schiff weiter auf die Herreninsel. Die kurze Fahrt führt vorbei an der unbewohnten und landschaftsgeschützten Krautinsel, auf der das Kloster früher Gemüse und Kräuter anbaute. Die grösste sowie auto- und fahrradfreien Chiemseeinsel ist vor allem weltbekannt für das gleichnamige Schloss Herrenchiemsee.

Erbaut von König Ludwig II. von Bayern nach dem Vorbild von Versailles, beherbergt es die Prunkräume des bekannten Märchenkönigs sowie zahlreiche unvollendete Räume. Momentan wird geprüft, ob das imposante Bauwerk auf die Liste der Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen werden kann. In den Rohbauräumen finden jedes Jahr grosse Kunstausstellungen der Neuen Pinakothek München statt. Im Sommer 2010 drehte Constantin Film hier Szenen für den Hollywood-Film «Die drei Musketiere».

Früher war die Herreninsel Bischofssitz des Bistums Chiemsee. Das älteste Kloster Bayerns für Mönche stand bereits 629 n. Chr. dort. Die Insel ist zum Grossteil von Viehweiden und Wald bedeckt und im vollständigen Besitz des bayrischen Freistaats. Nur fünfzehn Insulaner leben hier, wobei die vierköpfige Familie des hauptverantwortlichen Landschaftsgärtners Jakob Nein schon über einen Viertel der Einwohner stellt.

Hätte König Ludwig II. nicht vor 144 Jahren Herrenchiemsee als Standort für sein Traumschloss gewählt, wären die schönen Baumriesen im Park wohl zu Brennholz verarbeitet worden. Dazu kam, dass der König in finanzielle Schwierigkeiten geriet und mit knapp 41 Jahren früh verstarb. So blieben «Ludwigs wilde Wälder» erhalten.

Für die grosse Rundwanderung durch Buchen- und Mischwald sollte man sich drei bis vier Stunden Zeit nehmen. Der Weg führt über eine Anhöhe von Ottos zu Pauls Ruh, einem schön gelegenen Picknick- und Badeplatz. Wer nicht mehr laufen mag, steigt beim Schloss auf die Pferdekutsche um. Beim Kutschbetrieb auf der Insel, wo Pferde aufgezogen werden, könnte man sogar lernen, selbst mit einem Achtspänner zu fahren. Die Pferdewirtschaftsmeisterei bietet im Frühling und Herbst dafür Kurse an.

Der steile Aufstieg zur Einsiedelei

Wer sich genügend Zeit für die Musse nimmt, kann zurück auf dem Festland eine weitere Insel der Gelassenheit erkunden. In der Gemeinde Nussdorf am Inn gelangt man über einen kurzen, steilen Aufstieg zur Einsiedelei Kirchwald am Heuberg. Von 2008 bis 2013 war diese Einsiedelei in der Waldlichtung nicht bewohnt. Seit Pater Clemens aber vor vier Jahren festgestellt hat, dass es hier jemanden braucht, lebt er im Haus neben der Wallfahrtskappelle. Daneben hält er Bienen und betreibt eine Werkstatt, in der er mit Bienenwachs Kerzen herstellt.

Während Pater Clemens für die Gottesdienste und Feste im Dorf mit dem Auto den Berg runter und rauf fährt, sind die Pilger und Touristen zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs. Oder man entscheidet sich für eine spezielle Variante mit der Bergwanderführerin und Yogalehrerin Christine Heiss. Dank ihren Anleitungen für einfache Yogaübungen am Wegrand macht sie jedem Einzelnen bewusst, wie man sich auf das Wesentliche konzentriert, ruhig atmet und die richtige Haltung einnimmt.

Szenenwechsel: Nicht ganz auf einer Insel, aber doch fast vollständig von der Inn-Flussschlaufe umflossen, präsentiert sich die historische Altstadt von Wasserburg, keine 30 Kilometer nördlich vom Chiemsee. Diese ist geprägt von der Inn-Salzach-Architektur und lädt mit den pastellfarbenen Häuserfassaden, ihren Arkaden sowie den vielen Läden und Cafés zum Flanieren ein. Nicht nur das Rathaus, sondern fast jedes Gebäude der rund 13'000 Einwohner zählenden Stadt hat eine lange, meist jahrhundertealte Geschichte.
Dass in Bayern die Uhren wirklich anders gehen, wird spätestens beim Blick zum Turm der frühgotischen Frauenkirche in Wasserburg klar. Als Besonderheit zeigt hier der grosse Zeiger die Stunde und der kleine Zeiger die Minuten an.