Bern

Ein Berner Tram kurvt durch Zürich

Combino: Das Tram aus den Siemens-Werken wird bereits in Bern mit Erfolg genutzt. Ab Freitag ist ein Exemplar zum Test in Zürich unterwegs. (Michele Coviello)

Combino

Combino: Das Tram aus den Siemens-Werken wird bereits in Bern mit Erfolg genutzt. Ab Freitag ist ein Exemplar zum Test in Zürich unterwegs. (Michele Coviello)

Die Stadt Zürich wächst und viele vorhandene Trams erreichen bald das Pensionsalter. 60 neue Fahrzeuge sollen angeschafft werden – das Combino zeigt im Casting Stärken und Schwächen.

Michele Coviello

Die Rückenlehne passt perfekt ins Kreuz. Es sitzt sich gut im Combino. In Bern sind bereits acht dieser Trams im Einsatz, weitere dreizehn liefert Hersteller Siemens in die Hauptstadt. Eines davon rollt in seinem knalligen Rot ab Freitag durch Zürich. Bis Mitte April wird das knapp 42 Meter lange Tram von Bernmobil auf der Linie11 zwischen Auzelg und Rehalp umherkurven. Nach dem gelben Tango aus Basel ist es das zweite Tram, das von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) «gecastet» wird. Ein drittes Modell von Bombardier soll auch noch geprüft werden.

In ihrer Zentrale in Altstetten machten gestern die VBZ vor den Medien die Notwendigkeit neuer Fahrzeuge deutlich: Im Jahr 2016 werde das Modell Tram 2000 40-jährig und müsse ersetzt werden. Im gleichen Jahr wird der Bahnhof Hardbrücke mit einer neuen Tramlinie erschlossen sein. «Die Stadt wächst, und mit ihr auch das VBZ-Netz», sagte Jacques Baumann, Leiter des Bereichs Markt. Bis Ende 2016 wollen deshalb die Verkehrsbetriebe die ersten fünf Fahrzeuge der neuen Generation in Zürich haben.

Schnittig und leise

Gestern unternahm die Leihgabe aus Bern einen ihrer ersten Ausflüge auf Zürcher Schienen. Entlang der Badenerstrasse zieht die ungewohnte Farbe sofort die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Am Lindenplatz wenden sich alle Blicke zum 227-Plätzer, als würde ein roter Ferrari röhrend vorbeiziehen. Dabei kommt das Combino leise daher. In Bern habe man gute Erfahrungen bezüglich seiner Lautstärke gemacht, sagt der anwesende technische Leiter von Bernmobil, Markus Anderegg: «Man hört das Combino fast nicht.» Rund 4,7Millionen Franken habe ein Tram der Stadt gekostet, hinzu käme die Anzeigetechnik, die von Stadt zu Stadt variiere.

Umfrage zum Probebetrieb

Geräusche und andere Eigenschaften des Combino dürfen während des nächsten Monats auch die Zürcher Fahrgäste mit einem Fragebogen beurteilen. Wie sind die Sitzplätze geordnet? Wie sind die Stehmöglichkeiten? Wie einfach ist das Einsteigen? Mässige Noten dürfte das Combino wegen knapper Beinfreiheit an gewissen Stellen bekommen, gute wird es bestimmt erhalten, weil es zu 100Prozent niederflurig ist und genug Raum für Kinderwagen und Rollstühle bietet. Die Meinung der Zürcherinnen und Zürcher wird in die Beurteilung von den VBZ und dem Verkehrsverbund einfliessen.

Sie werden für den Entscheid verantwortlich sein. Kritik in Bezug auf die Trambeschaffung war neulich an den Stadtrat Andres Türler gelangt, Vorsteher des Departementes der Industriellen Betriebe. Im Wahlkomitee des FDP-Stadtrates figurierte nämlich auch Daniela Spuhler-Hoffmann, Gattin von Stadler-Rail-CEO und SVP-Nationalrat Peter Spuhler. Weil die Stadler Rail mit dem Tango-Tram auch am Rennen um den Grossauftrag der Stadt Zürich teilnimmt, wurde befürchtet, Andres Türler könnte in der Wahl ums neue Tram befangen sein.

Der Stadtrat winkt entschieden ab. «Ingenieure der VBZ und des Verkehrsverbundes legen das Pflichtenheft für das neue Tram fest und bereiten den Entscheid vor, nachdem sie ein Ausschreibungsverfahren gemäss GATT/WTO nach einem vorher festgelegten Punktesystem durchgeführt haben», sagt Türler, «ich habe keinerlei Einfluss auf die Bewertung. Nach dem Entscheid des ZVV und des Gesamtstadtrates steht den allenfalls unterlegenen Unternehmungen noch der Rechtsweg offen.»

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