Ein Baggerführer mit Traumposten

In Aktion: Wenn die Metallschaufel im Emmenwasser aufschlägt, spritzt es hoch auf.

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In Aktion: Wenn die Metallschaufel im Emmenwasser aufschlägt, spritzt es hoch auf.

Jahraus, jahrein – ausser bei Hochwasser – holt René Flury Geschiebe aus der Emme, damit es die Turbinen im Kraftwerk Flumenthal nicht verstopft. Und zwar mit einem rar gewordenen Seilbagger.

Anne-Regula Keller

Die Emme hinter der Mündung liegt ruhig, von der Aare her zurückgestaut. In ihr spiegeln sich die hohen Uferbäume und der wolkenlose Himmel. Unterhalb der Strassenbrücke zwischen Zuchwil und Luterbach führt eine Kiesrampe ins Flussbett und an deren Ende kriecht ein leuchtend gelber Bagger hin und her. Wie eine Fischerrute ragt sein Aushängearm über dem Wasser. An einem Stahlseil wird rasselnd eine Metallschaufel ausgeworfen. Wo sie aufschlägt und eintaucht spritzt das Wasser hoch auf.

Nun wird das Zugseil eingezogen bis die Ketten beidseits der Schaufel straff gespannt sind und diese aus dem Wasser auftaucht. Aus unzähligen Löchern fliesst das Wasser ab, bis der Schaufelinhalt - grober Kies - vorn an der Mole ausgekippt und ein bisschen verteilt wird. Und schon wird die Löcherschaufel erneut ausgeworfen, um die nächste Ladung Kies auszubaggern.

Allein mit Wasser und Natur

Gleich ist es Mittag und René Flury entsteigt dem Führerstand des gelben Baggers. «Nach jedem Hochwasser baggere ich hier den Kiesfang in der Emme aus, damit das Geschiebe nicht die Turbinen des Kraftwerks in Flumenthal blockiert», gibt er Auskunft. «Damit beauftragt ist die Baufirma Marti. Ich mache das für sie schon seit 17 oder 18 Jahren jahrein, jahraus. Das ist wohl die schönste Arbeit für einen Baggerführer.», schwärmt der 52-Jährige.»Ich bin - ausser bei Hochwasser, wo ich andere Arbeiten erledige - draussen in der Natur, für mich allein und selbstständig.»

Hier, nicht weit von der Brücke, beginne er mit der Geröllentnahme und lade den Flusskies so ins Wasser, dass senkrecht zum Ufer eine Piste für den Bagger entstehe. «Dabei werfe ich die Schaufel beidseits aus. Wenn die Piste so weit über den Fluss reicht, dass ich praktisch bis ans andere Ufer ausbaggern kann, setze ich sie flussabwärts fort bis in die Nähe der Mauer beim Emmenspitz», erläutert der Maschinist. «Viele Leute wissen gar nicht, dass diese auch in der Lücke besteht, einfach nur bis wenig unter die Wasseroberfläche in Stauhöhe der Aare.» Sie begrenze den künstlich abgesenkten Kiesfang, der um eine Schaufelreichweite oberhalb des stets neu gebauten Damms beginne, auf dessen Unterseite. «Manchmal baggere ich bis zu einem Monat, bis er leer ist.» Zuletzt fahre er jeweils auf dem Damm rückwärts und baue ihn wieder ab. Das herausgebaggerte Material wird per Lastwagen abtransportiert, von der Firma Marti erlesen, muss manchmal noch gebrochen werden und wird dann verkauft. «Der Erlös für den Kies finanziert jedenfalls den Aufwand.»

Eine aussterbende Technik

«Dies hier ist ein Seilbagger. Die werden immer seltener und auch die Leute, die damit umgehen können», erklärt Flury nicht ohne Stolz. «Heute gibt es fast nur noch hydraulische Bagger. Aber bei diesen besteht natürlich im Wasser die Gefahr der Ölverschmutzung. Darum arbeite ich hier mit dem Seilbagger.» Überhaupt arbeite er so naturschonend wie möglich. «Sehen Sie dort den Fischschwarm? Die Fische verschwinden, sobald sie die Vibrationen der Maschine wahrnehmen. Ich glaube, ich hatte noch nie einen lebenden Fisch auf der Schaufel.» Aber kaum habe er den Motor abgestellt, kämen die Fische genauso wie die Enten zurück.

Natürlich ziehe er bei seiner Arbeit allerlei aus der Emme: Einmal war es ein ganzes Auto samt Nummer und Zündungsschlüssel dran. Es war gestohlen worden - genauso wie ungezählte Töffli und Velos. «Einmal - das war schlimm - entdeckte ich erst auf dem Lastwagen, dass ein vermeintliches Holzstück eine Wasserleiche war.»

In der Freizeit wird geschraubt

Zu Hause in Hubersdorf entspannt sich René Flury mit seinen Motorrädern. «Es sind vier ältere Modelle und ich schraube eigentlich mehr daran herum, als ich sie wirklich fahre. Meistens komme ich pro Saison nicht einmal auf 1000 Kilometer.» Seit einigen Jahren fahre jetzt auch seine Frau Motorrad - «und zwar gut!», betont er. «Vor allem aber ist ihr Verständnis für mein stetes Schrauben gewachsen.»

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