Egliswil
Egliswil verliert seine letzte Dorfbeiz

Seit März werden im Restaurant «Egli» weder Ballen noch Schnitzel mit Pommes serviert: Die bisherige Pächterin hört auf. Die Eigentümer möchten das Traditionslokal erhalten - aber nicht um jeden Preis.

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Restaurant Egli Egliswil

Restaurant Egli Egliswil

Aargauer Zeitung

Thomas Bucher

Suppenschalen, Bierhumpen, Kristallgläser, vor allem aber die teuren Küchenmaschinen versucht Verena Schaub an den Mann zu bringen. «Ich höre aus gesundheitlichen Gründen auf», verrät die scheidende Wirtin des «Egli», der die langen Arbeitstage zu viel geworden sind. «Ich arbeitete oft 16 oder 18 Stunden pro Tag.»

All das Mobiliar, das sie von ihren Vorgängern übernommen und im Laufe der Zeit hinzugekauft hatte, wird liquidiert. Pläne für die Zeit nach ihrer Wirtetätigkeit habe sie bereits. Schaub will es künftig ruhiger angehen.

Zwei Bars, aber keine Beiz

Nach 12 Jahren verlässt Verena Schaub Egliswil. Die gebürtige Fricktalerin bewirtete seit 1998 ihre Gäste im «Egli», während langer Zeit mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann.

Auf der Kreidetafel vor dem Eingang des Traditionslokals, wo bis vor kurzem noch Eglifilets feilgeboten wurden, steht jetzt kurz und bündig «Liquidation». Nachdem vor einiger Zeit die «Linde» geschlossen wurde, gibt es in Egliswil zwar noch zwei Bars («5704 Pub» und «Wäbi») - aber vorläufig kein Restaurant mehr.

Derweil suchen die Eigentümer des «Egli» einen neuen Pächter. Anneliese Weber und ihre vier Geschwister zählen zur Erbengemeinschaft, die die Liegenschaft besitzt. «Schon unser Urgrossvater bewirtete Gäste in der Stube; so wie es im Dorf gang und gäbe war», erzählt Weber. Daneben gingen die Wirte oftmals ihrer regulären Arbeit nach.

Die Anfänge des «Egli» reichen ins 19. Jahrhundert zurück. Webers Grossvater gab dem Restaurant die heutige Struktur mit «Beiz» und «Sääli», indem er das Bauernhaus ausbaute. Als es im Dorf noch keine Turnhalle gab, pflegten die Erwachsenen nach den Vereinsanlässen im «Egli» das Tanzbein zu schwingen.

Der Klassiker: frische Ballen

Die Eltern Anneliese Webers führten als Letzte der Weber-Dynastie von 1965 bis 1980 die Wirtschaft «Die ganze Familie half mit, also auch wir fünf Kinder», erinnert sich Weber an ihre Jugendzeit. «Die Gäste stammten aus der Region, ja reisten von Lenzburg ins «Egli». Besonders beliebt waren die grossen Schnipo-Portionen und die Ballen aus dem See.» Geradezu «tonnenweise» seien die Fische über den Tresen gegangen, erzählt Weber weiter. Nicht zu vergessen die Metzgete, zu deren Anlass im Spätherbst einige Schweine geschlachtet wurden. Frei nach dem Motto «S het solangs het» dauerte die Metzgete meist zwei Wochen.

Im Winter sowie am Wochenende ging es besonders rund im «Egli»: Die Tische seien mittags oft in zwei Schichten belegt gewesen: «Die Leute reservierten vorher, um auch sicher einen Platz zu bekommen», weiss Anneliese Weber. Als sie 16 Jahre alt war, gaben ihre Eltern die Wirtetätigkeit auf. Von nun an waren Pächter am Werk: Mindestens deren fünf seien es, an die sie sich noch zu erinnern vermöge, erzählt Weber.

«Restaurant erhalten»

Die Erbengemeinschaft möchte das letzte verbliebene Restaurant im Dorf wenn möglich erhalten: «Das ist unser Ziel, es wäre schön, wenn wir weiterhin ein Restaurant im Dorf hätten», so Annelise Weber, «wir sind deshalb auf der Suche nach einem neuen Pächter.» Falls sich jemand finden lasse, würde die Wirtschaft in einem zweiten Schritt nach Möglichkeit renoviert. Ansonsten ist unklar, ob künftig noch Gäste in Egliswil Ballen geniessen werden.

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