Interview
«Drogen sind für Junge das einzige Erfolgsmodell»

Für sein Filmdebut «Workers» griff José Luis Valle fast ausschliesslich auf Laienschauspieler zurück. Das mexikanische Kino sei stark von Hollywood beeinflusst. Arthouse-Filme hätten beinahe keine Chance, so der Regisseur.

Pascal Blum
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Die Bedienstete Lidia (Susana Salazar) kümmert sich auch nach dem Tod ihrer Hausherrin um deren Windhündin Princesa – im Beisein von Severino (Sergio Limón).TRIGON FILMS

Die Bedienstete Lidia (Susana Salazar) kümmert sich auch nach dem Tod ihrer Hausherrin um deren Windhündin Princesa – im Beisein von Severino (Sergio Limón).TRIGON FILMS

TRIGON FILMS

Viele Details in Ihrem Spielfilm «Workers» verpasst man, wenn man nicht höllisch aufpasst. Was verlangen Sie vom Publikum?

José Luis Valle: Aufmerksamkeit. «Workers» braucht schon intellektuelle Mitarbeit. Der Film funktioniert nur, wenn man teilnimmt, da ich vieles nur andeute. Was ambivalent bleibt, muss der Zuschauer im Kopf vervollständigen. Ich habe aber gemerkt, dass es zuweilen zu kompliziert wird. Manches versteht das Publikum vielleicht erst beim zweiten Mal.

Workers: Drama an der US-Grenze

Der in El Salvador geborene und in Mexiko lebende Regisseur José Luis Valle drehte Kurz- und Dokumentarfilme, bevor er mit «Workers» seinen ersten Spielfilm drehte. Lakonisch, mit subtilem Witz und beachtlichem Gespür für filmische Komposition verknüpft er zwei Arbeiterschicksale an der mexikanisch-amerikanischen Grenze: Rafael rächt sich mit kleinen Sabotageakten am Chef seiner Glühbirnenfabrik, nachdem ihm wegen eines Bürokratiefehlers die Pensionierung verwehrt bleibt. Lidia schuftet als Hausangestellte für eine reiche Dame und arbeitet sogar nach deren Tod weiter, um die Windhündin zu umsorgen. Aber bald rebelliert auch Lidia. «Workers» ist ein Film von stoischer Schönheit, die Bilder atmen geduldig und immer wieder blitzen Details auf, die es wie Geheimbotschaften zu dechiffrieren gilt. Vieles kapiert man erst, wenn man den Film zum zweiten Mal sieht. (pbl)

Workers Mexiko/D 2013, 120 Min. R: José Luis Valle.

Ja, die Bedeutung des weissen Stofftiers hat sich mir erst erschlossen, als ich zum zweiten Mal reinging. Wieso die Rätselei?

Mir gefällt das Offensichtliche oder das Überdeutliche nicht. Weder im Kino noch im Leben. «Workers» soll funktionieren wie ein Rätselspiel zwischen mir und dem Publikum.

Manches ist aber auch klar, etwa der Kampf von Lidia und Rafael gegen ihre Arbeitgeber.

Schön, dass Sie das sagen. Am Anfang hatte ich die zwei Geschichten von Rafael und Lidia, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Über winzige Andeutungen habe ich sie dann miteinander verknüpft. Dazu gehört auch die Einstellung, die eine Szene am Strassenrand in Tijuana zeigt. Etwas später sieht man die Szene von innen und hört, was sich draussen abspielt. Viele merken nicht, dass es derselbe Moment ist.

Die Strassenszene ist ein Höhepunkt. Haben Sie dieses Alltagsbild von Prostituierten und Scherenschleifern inszeniert?

Wir haben die Strasse abgesperrt und alles choreografiert. Zwei Tage hat das gedauert. Die Stadt Tijuana sollte im Film eine eigene Rolle spielen. Aber ich wollte nicht das Tijuana zeigen, das man sonst sieht. Gleichzeitig mit uns haben in der Stadt fünf andere Filmteams gedreht!

Welche Realität wollten Sie denn zeigen?

In Mexiko wird Absurdität irgendwann normal. Manches ist derart grotesk, dass man nur noch lachen kann. Die soziale Ungleichheit etwa ist brutal, fast gleicht die Gesellschaft einem Kastensystem. Arbeitern fehlt jeder Schutz. Dabei bedeutet Arbeit nicht nur, dass man Geld verdient. Sie ist auch eine Quelle von Erfahrung und Würde. Deshalb ist es umso schlimmer, wenn Arbeiter zu Tieren degradiert werden. 25 Millionen Mexikaner sind bereits ausgewandert, weil sie keine Chance auf Veränderung sehen. Und doch hört mein Film mit einem Hoffnungsschimmer auf.

Wie haben Sie die Darsteller ausgewählt?

Für einen Film über anonyme Menschen brauchte ich unverbrauchte Schauspieler. Nun spielen praktisch nur Laien mit. Der Darsteller von Rafael hat tatsächlich 25 Jahre in einer Fabrik gearbeitet. Die Frau, die die reiche Hausherrin spielt, ist im echten Leben Multimillionärin!

Dazu treiben sich ein paar Narcos herum, also Gangster, die mit Drogen Geschäfte machen. Ist das eine Möglichkeit, sozial aufzusteigen?

Ja, derzeit ist das leider das einzige Erfolgsmodell, vor allem für Junge. Narcos werden in Musik und Film heroisiert. In «Workers» sieht man einmal ein Poster von Brian De Palmas Films «Scarface», denn viele Arbeiter bewundern den Selfmademan Tony Montana und seinen Erfolg. In Mexiko fotografieren Narcos mit ihren iPhones schöne Häuser, schicken die Fotos dem Architekten und schreiben dazu: «Mach mir so eins für meine Mutter!»

Solche Figuren bevölkern auch das Mainstream-Kino Mexikos?

Ja, dieses Kino ist blöd und bringt eigentlich nur das Fernsehen ins Kino. Zugleich kursiert das Vorurteil, mexikanische Arthouse-Filme seien schlecht. Mexiko ist wahrlich kein normales Land. Wenn auf einem Poster das Logo der Goldenen Palme von Cannes gedruckt ist, schauen sich die Leute den Film gar nicht erst an.

Wieso das?!

Weil sie denken, der Film werde sie nicht unterhalten! Am besten, die Filme sehen exakt so aus wie die Vorbilder aus Hollywood. Dabei würden sich die Leute schon etwas anders ansehen. Wenn ein Festival Gratisvorstellungen anbietet, kommen sie in Scharen. Aber Filme, die anders sind, finden keinen Verleih. Viele mexikanische Filme habe ich in Europa entdeckt, weil sie in Mexiko gar nicht laufen.

Auch «Workers» lief dieses Jahr an der Berlinale. Wie reagiert die Welt auf Ihren Film?

Sehr verschieden. In Deutschland sahen die Leute einen politischen Film. In Los Angeles interessierten sie sich fürs Immigrationsthema. In Korea achteten sie vor allem auf Tattoos. In Brasilien lief der Film während Protesten, weshalb die Jugendlichen Rafael zum anarchistischen Vorbild erkoren haben. Das ist aber genau das, was ich erreichen wollte. «Workers» soll viele Lesarten bieten. Es ist ein offener Film.