«Dritte Kraft» wird angehört

Neue Wege geht das Alterszentrum Wengistein bei der Einbindung von Angehörigen: Ein neun-köpfiger Angehörigenrat soll mit der Heimleitung einen ständigen Austausch über die Situation der Bewohner pflegen. Das auf zwei Initial-Jahre ausgelegte Projekt wird dank 180 000 Franken der Age Stiftung ermöglicht.

Merken
Drucken
Teilen
Wengistein

Wengistein

Solothurner Zeitung

Wolfgang Wagmann

120 Mitarbeitende für 75 Bewohnerinnen und Bewohner mit einem Durchschnittsalter von 92 Jahren - diese drei Eckwerte stehen für das Alterszentrum Wengistein. Nichts Ungewöhnliches heute. Doch jetzt will sich die Heimleitung vermehrt um die «dritte Kraft» in diesem Beziehungsnetz kümmern: die Angehörigen. «Jahrzehntelang war das das so - Angehörige sind einfach Besucher. Wir haben aber nun entschieden, den Angehörigen einen hohen Stellenwert zu geben.» Für Heimleiter Hansruedi Moor hat sich einiges verändert: «Wir stellen bei den Betagten einen Wechsel fest, hin zu modernen Lebensformen. Internet ist ein Thema. Aber auch auf der Angehörigenseite gibt es einen Generationenwechsel. Jetzt kommen die 68er.»

Diese Angehörigen hätten «ein ganz anderes Auftreten», so Moor. «Sie stellen Forderungen, berechtigte Forderungen. Sie zahlen viel und wollen ein Wort mitreden. Das wird die Zukunft sein.» Und da kommt dem Alterszentrum die Geste sehr gelegen: Eine Stiftung, schlicht «Age Stiftung» genannt, hat dem «Wengistein» 180 000 Franken für ein Pilotprojekt zur Verfügung gestellt, das einen neuen Ansatz im Umgang mit Angehörigen ermöglicht. Dazu gehört die Schaffung einer internen Beratungs- und Anlaufstelle und das wichtige Puzzleteil eines Angehörigenrats - nachdem das Alterszentrum bereits seit Jahren über einen funktionierenden Bewohnerrat verfügt.

Wo der Schuh drücken kann

Hansruedi Moor sieht aber auch in der Aktualität einen Grund, das Projekt voranzutreiben: «Geschichten wie Entlisberg sprechen dafür, näher hinzusehen. Angehörige sind deshalb absolut mit einzubeziehen.» Direkt zuständig dafür ist die Psychogerontologin Esther Ludwig Koch, im Alterszentrum Leiterin der Therapeutischen Dienste. «Die Angehörigen sind mit einer eigenen Befindlichkeit im ‹Wengistein› unterwegs. Der Heimeintritt ist für Bewohner wie Angehörige ein schwieriger Einschnitt. Wir müssen Respekt haben vor der Familie, denn die Kinder müssen ihre neue Rolle finden in diesem Lebensabschnitt - bei Partnern wird es noch schwieriger», weiss die Fachfrau aus Erfahrung.

«Es tauchen Fragen auf, Gefühle der Sinnlosigkeit und Depressonen entstehen. Da ist wichtig, diesen Gefühlen oder Konflikten Raum zu geben.» Dies sei Teil ihres Auftrages, die Angehörigen willkommen zu heissen, betont Esther Ludwig Koch. Partizipation, Mitreden, ein kritisches Hinterfragen auch der Dienstleistungen, das erwartet sie vom Angehörigenrat, der jedoch kein Tummelplatz für ganz individuelle Probleme sein soll. Durchaus aber auch ein denkbares Thema für Heimleiter Moor: der Pensionspreise. Sechs Sitzungen im Jahr soll es geben, bei ihnen können auch Anträge zur Verbesserung der Wohn- und Lenbensqualität gestellt werden. «Neun sehr motivierte Angehörige im Durchschnittsalter von 55 bis 60 Jahren zum Anfangen haben wir schon», freut sich Hansruedi Moor auf den Start des Angehörigenrats in diesem Sommer.

Der neue Ansatz muss «sitzen»

Der Angehörigenrat ist ein Thema, weitere sind indidviduelle Erstgespräche mit Angehörigen beim Heimeintritt, Standortgespräche zwei Monate danach, einmal im Jahr ein Verlaufsgespräch und sogar ein Abschlussgespräch zwei Monate nach dem Todesfall von Bewohnerinnen und Bewohnern. Auch Fallbesprechungen, die möglicherweise in Vereinbarungen über Zielsetzungen und Massnahmen münden, gehören zu den Projektzielen.

Grosse Bedeutung hat für Hansruedi Moor die Schulung des Personals. «Wir müssen auch eine Anlaufstelle für die 120 Mitarbeitenden schaffen.» Bei ihnen stellten sich ebenfalls Fragen und ergäben sich Konflikte im Sinne: «Wie soll ich mit Angehörigen umgehen?» Deshalb sei eine neutrale Stelle vonnöten, so Moor zum Schulungsauftrag, für den Zeit einzusetzen sei. «Damit jede Hilfskraft weiss, um was es geht.»

Dem Heimleiter ist durchaus klar, dass er dank der Age Stiftung von einem Glücksfall profitiert. «Denn 180 000 Franken sind im Sozialbereich sehr viel Geld.» Man mache sich mit dem neuen Ansatz, der Zeit und Geld erfordert, bei anderen Heimen auch nicht unbedingt beliebt. «Aber wir können uns den gesellschaftlichen Enticklungen nicht entziehen», glaubt Moor, dass die Angehörigenbetreung in «fünf bis sieben Jahren zum Standart gehören wird.»