Dragoner

«Dragoner halten Geschichte am Leben»

Alles muss stimmen, wenn Walter Forster (62) aus Dietwil heute mit seinem Pferd Tamarin zum Dragonerspringen auf dem Horben startet. In einer originalgetreuen Uniform pflegt der Dietwiler die Tradition der Schweizer Kavallerie, die vor 36 Jahren aufgelöst wurde.

Fabian Hägler

«Ingo war auf der Weide und ist dreckig», sagt Walter Forster, während er sein Pferd striegelt. Sorgfältig und mit verschiedenen Bürsten reinigt der Dietwiler das 19-jährige Pferd. Danach faltet er die Satteldecke, Schweizer Kreuz und Nummer nach oben, legt sie Ingo auf den Rücken und platziert schliesslich den Ordonnanzsattel darauf.

Als das Pferd fertig gesattelt und aufgezäumt ist, kontrolliert der 62-Jährige sein eigenes Erscheinungsbild. Es ist tadellos: Die Uniform passt, die Stiefel glänzen, die Kopfbedeckung sitzt. «Jetzt stimmt alles», sagt Forster zufrieden, bevor er sich in den Sattel schwingt. Als er auf dem Pferd sitzt, strahlt Walter Forster: «Dragoner zu sein, war immer mein Traum», sagt er.

Herr Forster, Sie wirken absolut glücklich, wenn man Sie mit Ingo sieht. Woher kommt diese offensichtliche Liebe zu den Pferden?
Walter Forster: Ich bin mit Pferden aufgewachsen und schon mit sieben Jahren zum ersten Mal im Sattel gesessen. Mein Vater hatte auf seinem Hof mehrere Pferde, die für die Feldarbeit eingesetzt wurden. Am Sonntag nahmen wir dann mit denselben Pferden, die unter der Woche den Pflug und die Wagen zogen, an den Springkonkurrenzen teil. Seit 1965 reite ich selber regelmässig Concours.

Da war es naheliegend, dass Sie bei der Aushebung im Militär zur Kavallerie wollten.
Forster: Ja, das war wirklich mein Wunsch, nur leider ging er nicht in Erfüllung. Der Pferdestall war zwar in Ordnung, der zuständige Kommandant der Kavallerie gab nach der damals üblichen Kontrolle sein Einverständnis, aber die Ärzte hielten mich für dienstuntauglich. Ich war damals scheinbar zu leicht, es gab eine Gewichtslimite.

Wie haben Sie diesen negativen Entscheid damals verkraftet?
Forster: Es war nicht einfach für mich, ich hätte die Rekrutenschule sehr gerne bei der Kavallerie absolviert. Mein Bruder, der vier Jahre älter ist als ich, war Dragoner. Er besass einen «Eidgenoss», also ein Pferd der Armee, das die Kavalleristen ersteigern konnten. Das wäre auch mein Traum gewesen. Als mein Bruder krank wurde, konnte ich sein Pferd reiten. Ich brauchte dafür aber eine Spezialbewilligung des Militärs, weil ich Zivilist war.

Die Kavalleristen waren damals also selber verantwortlich für ihre Pferde, so wie jeder Soldat heute für sein Sturmgewehr?
Forster: Ja, das war ähnlich, wer in der Kavallerie war, hielt sein Pferd zu Hause, war für Pflege und Fütterung verantwortlich. Ausserdem mussten die Dragoner regelmässig ihre Reitübungen absolvieren, das wurde auch kontrolliert.

Wie muss man sich solche Übungen vorstellen? Ähnlich wie heutige Geländeritte oder wie Military-Prüfungen im Sport?
Forster: Nein, es wurde auf einem Übungsplatz trainiert, dabei ging es darum, mit dem Pferd im Dressurbereich zu arbeiten. Ungefähr alle zwei Wochen fanden diese Trainings statt, ich war oft dabei.

Sie waren also sozusagen ein ziviler Dragoner?
Forster: Das könnte man so sagen. Nach der Abschaffung der Kavallerie im Jahr 1972 wurde eine private Schwadron (ein Kavallerieverband, die Redaktion) gegründet. Früher war es die Zentralschweizer Kavallerie-Schwadron, seit 1995 gibt es die Schweizer Kavallerie-Schwadron SKS 1972. In diesem Verein fanden ehemalige Dragoner und weitere Interessierte zusammen.

Wie haben Sie die Auflösung der Schweizer Kavallerie erlebt?
Forster: Das war natürlich für uns als Pferdeliebhaber kein schöner Entscheid. Die meisten Kavalleristen wurden damals zu den Panzertruppen umgeteilt. Ich erinnere mich, dass die Dragoner in ihrem ersten Wiederholungskurs bei der neuen Einheit einen Panzer über den Haufen geworfen haben, aus Protest gegen die Auflösung.

Nun lebt die Tradition in einem Verein weiter. Wie militärisch ist Ihre Schwadron heute noch?
Forster: Es gibt einen starken militärischen Aspekt, weil wir mit Uniform, Ausrüstung und Waffen der Schweizer Kavallerie auftreten, so wie sie im Jahre 1972 aufgelöst wurde. Wir können heute noch die Ausrüstung im Zeughaus Aarau abholen. Dort gibt es noch rund 150 Vollpackungen. Nur die Hosen und Kittel gehen langsam aus.

Welche Aktivitäten führen die Dragoner heute konkret durch?
Forster: Wir treten hauptsächlich bei Gedenkanlässen auf, machen Defilees oder Ausritte, und gelegentlich auch etwas Ausbildung. Am letzten Wochenende war die Schwadron zum Beispiel im Militärmuseum in Full-Reuenthal und hat sich dort präsentiert. Dragoner halten die Geschichte am Leben, sie überliefern die alte Tradition und führen sie selber weiter.

Und die Dragoner sind offenbar auch begeisterte Springreiter?
Forster: Ja, wir haben auf jeden Fall ein volles Teilnehmerfeld. Vor zwei Jahren organisierten wir das letzte Springen in Sins. Danach wollten wir aufhören, aber im letzten Herbst hat es uns wieder gepackt. Und so findet heute zum ersten Mal seit 25 Jahren ein Dragonerspringen auf dem Horben statt.

Wie wichtig ist der sportliche Teil dabei? Oder geht es vielmehr um Spass und Geselligkeit?
Forster: Es gibt schon gute Reiter, die ehrgeizig sind und auf die Rangliste achten. Aber die Kameradschaft ist für uns ebenso wichtig. Jeder Teilnehmer beim Championat bekommt einen Preis, und danach wird gesungen, gefeiert und aus alten Zeiten erzählt.

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