Döttinger Kiesgrube wird Kriegsschauplatz

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An mehreren Wochenenden ist in der Kiesgrube «Wase» Kriegerlis gespielt worden – beobachtet von zahlreichen Schaulustigen. Weder die Besitzerin Holcim (Schweiz) AG noch die Umbricht AG in Turgi als Betreiberin haben je eine Bewilligung erteilt. Die Holcim AG geht nun gegen die Organisatoren vor.

Angelo Zambelli

An mehreren Wochenenden ist in der Döttinger Kiesgrube «Wase» Kriegerlis gespielt worden - beobachtet von zahlreichen Schaulustigen. Weder die Besitzerin Holcim (Schweiz) AG noch die Baufirma Umbricht AG in Turgi als Grubenbetreiberin wissen etwas von einer Bewilligung für das so genannte Airsoft-Spiel. Die Holcim will nun gegen die Organisatoren vorgehen.

An der Kiesgrube zwischen Würenlingen und Döttingen führt ein vielbefahrener Radweg vorbei. Normalerweise konzentrieren sich die Velofahrer auf das asphaltierte Sträss-chen und sehen sich nicht veranlasst, einen Blick in die Kiesgrube zu werfen. Nicht so am letzten Wochenende. Was sich in der Kiesgrube «Wase» abspielt, zieht die Blicke der Sonntagsausflügler magisch an: In der Grube rennen militärisch gekleidete Gestalten quer durch das sandige Gelände, suchen Deckung hinter provisorisch aufgestellten Wänden und schiessen mit nachgebildeten Maschinenpistolen aufeinander.

Einer der Radfahrer glaubt zunächst, ein Spezialtrupp der Armee halte eine Übung ab, erkennt aber bald, dass es sich um ein Spiel einiger Jugendlicher handelt. Der Radfahrer zückt seine mitgeführte Kamera und schiesst vom Grubenrand aus einige Fotos. Nur wenig später wird er von einem jungen Mann in Tarnanzug in harschem Ton aufgefordert, das Fotografieren bleiben zu lassen. Der Radfahrer seinerseits hält dem jungen Mann vor, was da unten geschehe, sei absoluter Schwachsinn. Der junge Mann kontert mit dem Hinweis, die Polizei und die Gemeinde seien informiert. Ausserdem liege eine Bewilligung der Grubenbesitzerin vor.

Recherchen dieser Zeitung haben ergeben, dass Kantonspolizei und Regionalpolizei von den Organisatoren via Einsatzzentrale in Aarau über ihr ungewöhnliches Treiben tatsächlich unterrichtet worden waren und auch die Gemeinde Kenntnis von den Kriegsspielen in der Kiesgrube hatte Die Holcim (Schweiz) AG als Besitzerin und die Umbricht AG (Turgi) als Betreiberin der Kiesgrube fielen hingegen aus allen Wolken, als sie vom Treiben auf ihrem Gelände erfuhren.

Markus Gerber, Pressesprecher der Holcim (Schweiz) AG: «Wir haben erst am Montag von einem zufällig vorbeiradelnden Mitarbeiter erfahren, was da gespielt wird. Der Mitarbeiter sprach einen der Spieler an und erhielt die Auskunft, es liege eine Bewilligung vor. Wir haben jedoch nie eine solche erteilt und di-stanzieren uns von derartigen Spielen in aller Form, weil sie unserer Umweltphilosophie in keiner Weise entsprechen.» Die Holcim will gegen die Organisatoren vorgehen und dafür sorgen, dass in ihren Gruben keine Airsoft-Spiele mehr stattfinden.

Auch die Turgemer Bauunternehmung Umbricht AG zeigte sich befremdet über das Geschehen im «Wase». «Wir haben nie eine schriftliche oder mündliche Bewilligung erteilt», sagt Peter Killer, Verantwortlicher für die Döttinger Kiesgrube.

Der Döttinger Ammann Peter Hirt verweist darauf, dass die Gemeinde die falsche Anlaufstelle für die Erteilung einer Spielbewilligung sei, weil es sich bei der Kiesgrube um ein Privatgelände handle. Bereits im März 2008 war die Gemeinde von einer Gruppierung unter dem Namen «Commandos» wegen einer Bewilligung zur Durchführung von so genannten Airsoft-Wettkämpfen im Waldstück zwischen Aaretalstrasse und Wasenstrasse kontaktiert worden. Der Gemeinderat erteilte eine Absage mit dem Hinweis, mit derartigen Spielen werde das Wild gestört. Hirt attestiert den Airsoft-Spielern korrektes Verhalten: «Sie pflegen einen geordneten Betrieb und hinterlassen keine Abfälle. Das sind halt grosse Kinder, denen man ihr Hobby gönnen sollte.»

Wer genau in der Döttinger Kiesgrube «Kriegerlis» gespielt hat, war selbst mit einer schriftlichen Anfrage beim Präsidenten und beim Kommunikationsbeauftragten der Swiss Airsoft Federation, in der die einzelnenen Vereine zusammengefasst sind, nicht in Erfahrung zu bringen. Mitgeteilt wurde lediglich, in Döttingen sei nur biologisch abbaubare Munition verschossen worden. Überdies seien alle gesetzlichen und verbandsinternen Auflagen erfüllt worden. Und wörtlich: «Die Spielerlaubnis auf dem Gelände war bis Montag, 25. Mai 2009, vorhanden, die Polizei und die Gemeinde waren informiert. Aufgrund von Reklamationen aus der Bevölkerung hat der Verein aber leider seine Geländebewilligung seit letztem Montag verloren. Es wird somit in Zukunft nicht mehr auf diesem Areal gespielt werden können.»

Ein Hinweis, wer das Spektakel inszeniert haben könnte, liefert das Internetportal Youtube: Unter dem Titel «Airsoftgame in Döttingen (Switzerland)» erscheint ein fünf-einhalbminütiges Video mit Kriegsspielen in einem Wald und in einer Kiesgrube mit der aufschlusssreichen Zusatzbemerkung «made by Airsoftclub Huttwil». Wer die Homepage dieses Clubs anklickt, wird davor gewarnt, die Seiten könnten Inhalte, Bilder und Filmmaterial enthalten, «welche gewisse Leute ethisch verletzen könnten. Wir verfolgen weder politische noch idealistische oder gar paramilitärische Ziele.» Extremisten und gewaltsuchende Personen werden ersucht, die Homepage zu verlassen. Wer dennoch eintritt, stösst schnell auf eine Seite, die zu den mutmasslichen Urhebern der Kiesgruben-Spiele führt: Aufgeführt sind Treffen «bei den Sword in Döttingen AG» am 12. und 19. April 2009: Besammlung 9.30, Spielende 16.00. Kosten: 5 CHF pro Person.»

Die erwähnten «Sword» aus Döttingen verfügen ebenfalls über eine Homepage, auf der aber lediglich einige Fotos aufgeschaltet sind. Wer sich hinter den Döttinger «Sword» verbirgt, ist nicht ersichtlich.

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