Seitensprung
Diskrete Hilfe beim Fremdgehen

Es könnte in Ihrer Nachbarschaft sein, und vielleicht ist es Ihr Chef, der in so einem Seitensprungzimmer besonders gerne ein- und verkehrt. Fremdgehen scheint salonfähig zu werden. Ordentlich Kohle lässt sich damit ebenfalls machen.

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Seitensprung

Keystone

Patrick Furrer

Seitensprungzimmer sind hübsch eingerichtet, von einfach bis mit Whirlpool lassen die Anbieter kaum Wünsche offen. Diskretion ist Programm: Namen oder Adressen interessieren hier keinen, anonym sollen die Schäferstündchen sein. Buchungen laufen über SMS oder Telefon, Adressen werden nie im Voraus verraten, der Schlüssel für ein Zimmer wird an einem geheimen Ort versteckt. Nachbarn sollen von den heissen Geschichten nichts spitz kriegen.

Vor rund fünf Jahren begann das Geschäft mit den speziellen Zimmern. Laut Insidern fiel der Startschuss im Thurgauischen, doch heute ist es das Mittelland vom Gäu bis nach Bern, das die Nase in Sachen Seitensprungzimmern weit vorne hat. Sicher zwei Dutzend Angebote gibt es in der Region.

Zum Beispiel in Langenthal, Solothurn, Grenchen, Oensingen, Burgdorf, Balsthal, Biel, Olten und Bern. In Wolfwil wurde vor zwei Wochen ein neues Seitensprungzimmer eröffnet, in Lyss im Februar. Und das ist erst das Vorspiel: Demnächst gehen in Solothurn, Kestenholz, Wolfwil und Bern mehrere neue Zimmer auf. Wer anbietet, sieht das als Dienstleistung für Paare und Singles. Meist sind es Private, die eine Wohnung besitzen oder mieten und dann Raum fürs Fremdgehen untervermieten.

Manfred K.* aus Bern vermittelt gegen 40 Seitensprungzimmer in der Schweiz. Allein in Bern habe er mindestens 100 Buchungen jeden Monat. «Die Tendenz ist steigend, denn der Seitensprung ist salonfähiger geworden. Und durch unsere Zimmer gibt es mehr Fremdgänger». Teuer sind die Zimmer nicht: Für 60 bis 80 Franken kann man sich für rund sechs Stunden vergnügen.

Die meisten Kunden seien zwischen 30 und 40 Jahre, vom Arbeitslosen bis zum Bankdirektor kommen sie alle, manche mehrmals. «Bern und das Mittelland ist bei Angebot und Nachfrage am stärksten», erklärt K. Es gehe nicht bloss ums Fremdgehen, manchmal kämen auch Paare, Swinger, Frischvermählte oder neu Verliebte in Versuchung.

Männer gehen öfter fremd

Fast 4 von 10 Männern gehen fremd. Gegen die Hälfte davon beurteilt ihre Aussenbeziehung sogar als richtig. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Bern über das Sexualverhalten in der deutschsprachigen Schweiz (D. Schiftan), an der knapp 6400 Schweizer teilnahmen. Nur halb so viele Frauen wie Männer wagen einen Seitensprung, eine Zweitbeziehung oder Ähnliches. Bei nur knapp einem Drittel der Männer und bei etwas mehr als zwei Fünftel der Frauen wusste der Partner von der Aussenbeziehung. Die Sexstudie hält fest, dass Frauen sich häufiger Treue wünschen als Männer. Wenn es um den Geschlechtsverkehr als Single geht, bevorzugt die Frau am ehesten jemanden, den sie schon länger kennt. Der Mann wählt neben einer Bekannten öfter auch jemand Unbekannten. (fup)
www.sexstudie.ch

Es lässt sich viel Geld machen, sagt ein Insider, sofern ein Anbieter über ein grosses Netz verfügt, monatlich 500 bis 2000 Franken pro Zimmer. «20 000 Franken Gewinn pro Monat liegen drin», sagt auch Manfred K., der ausser eigenen Zimmern auch die Internetseite seitensprungzimmer24.ch betreibt.

Auf Seiten wie dieser können sich Privatanbieter melden, die sich mit einem Seitensprungzimmer etwas dazu verdienen möchten. Die Betreiberin des neuen Seitensprungzimmers in Wolfwil sagt: «Wenn es sonst beruflich nicht so läuft, ist das eine gute Alternative.» Sie finde auch nichts Anrüchiges daran, weil es nicht verboten sei.

Tatsächlich gibt es kein Gesetz, das solche Zimmer verbietet, da sie freiwillig gebucht werden und es kaum Überschneidungen mit dem Rotlichtmileu gibt. Probleme gibts, wenn Prostituierte die Zimmer mieten wollen. «Das kann man nie ausschliessen», sagt Manfred K. «Ich habe auch schon eine inflagranti erwischt und weggeschickt.»

Das Problem kennt auch Silvan S.*, der auf seitensprungzimmer.com ein ebenbürtiges Angebot präsentiert. «Die Anbieter achten darauf, denn eine Garantie gibt es nicht.» Deshalb werden Erstkunden immer kurz begrüsst und ins Thema eingeführt. Silvan S. erklärt, es brauche mindestens 10 monatliche Buchungen pro Zimmer, damit es rentiert. In einem «Superzimmer» gebe es rund 40 jeden Monat. S. beteuert, dass er seinen Zusatzverdienst bei den Steuern immer angebe und auch seine Vermieter darüber informiere, dass er die Zimmer für Seitensprünge weiter vermietet.

Manfred K. ist sicher, dass viele Vermieter keine Ahnung davon haben, was mit den Räumen passiert. Das überrascht wenig, weil der Seitensprung nach wie vor nichts ist, womit man öffentlich prahlt. Auch K. musste in Burgdorf und Ittigen Zimmer schliessen, weil der Vermieter die Sache spitz gekriegt hatte. Trotzdem: Solange die Nachfrage steigt, gehen weiterhin mehr neue Zimmer auf als zu.
* Namen geändert