Sterbehilfe
«Dignitas? Wir merken nichts davon»

Seit Anfang Juli begleitet Dignitas schwerkranke Menschen im Pfäffiker Industriegebiet in den freiwilligen Tod – und kaum jemanden stört es.

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Dignitas, Pfäffikon ZH

Dignitas, Pfäffikon ZH

Limmattaler Zeitung

Susanne Meier

Erfreut war niemand, als Mitte Juni bekannt wurde, dass die Sterbehilfeorganisation Dignitas nach Pfäffikon zieht. In einer Stellungnahme schrieb damals der Pfäffiker Gemeinderat, er wolle keine Freitodbegleitung in der Gemeinde; einzelne Bürger meldeten ihre Befürchtungen an. Der grosse Aufschrei blieb aus, dennoch herrschte Skepsis.

Heute zeigt sich, dass die Organisation in Pfäffikon praktisch kein Thema mehr ist. «In der Bevölkerung ist es ruhig. Man hat Dignitas akzeptiert, weil man eingesehen hat, dass man rechtlich nicht gegen sie vorgehen kann», so die Einschätzung von Pfäffikons Gemeindeschreiber Hanspeter Thoma.

Seit Anfang Juli begleitet die Sterbehilfeorganisation, hinter der Ludwig A. Minelli steht, sterbewillige Menschen an der Barzloostrasse 8 in den Tod. Bisher seien ihm zirka 30 Todesfälle bekannt, sagt Thoma. «Durchschnittlich sterben im Haus der Dignitas eine oder zwei Personen pro Woche.» Die Gemeinde ist insofern involviert, als jeder Todesfall dem Zivilstandsamt gemeldet werden muss. Vorgängig muss ein Bezirksarzt vor Ort den Tod der Person feststellen. «Es gibt für uns Mehrarbeit, doch das war klar», sagt Thoma nüchtern. Zur «Zusammenarbeit» mit Dignitas lasse sich aber nichts Negatives sagen. «Ich höre von allen Betroffenen, dass die administrative Abwicklung der Todesfälle gut läuft», so Thoma. Die Organisation halte sich zudem an Abmachungen und nehme Rücksicht. Die Leichen etwa würden mit neutralen Fahrzeugen statt mit auffälligen Leichenwagen abtransportiert.

Gelassene Nachbarn

Das ist auch der Nachbarschaft aufgefallen - oder eben nicht. «Ich habe Dignitas eigentlich schon wieder vergessen», sagt Harald Suter, Inhaber der Firma Bau- und Immobilientreuhand. Er vermietet einige Stockwerke in den Liegenschaften an der Barzloostrasse 18 und 20. Auch sein Büro befindet sich in einem dieser Gebäude. Anfänglich meldeten sich zwei Mieter bei ihm, einer war besonders erbost. Aber: «In der Zwischenzeit hat sich die Aufregung wieder gelegt, und mich persönlich stört es sowieso nicht.»

Ähnlich tönt es bei Max Sommerhalder. Er arbeitet in der Werbeagentur Stoz an der Barzloostrasse 2. «Man sieht ab und zu Autos mit holländischen oder deutschen Nummernschildern oder mal jemanden, der im Rollstuhl ins Haus gefahren wird. Aber wenn man nicht wüsste, dass dort Dignitas eingemietet ist, würde das gar nicht auffallen», ist Sommerhalder überzeugt. Ihn stört es nicht, dass Dignitas in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Sterbebegleitungen durchführt. «Es ist vielleicht ein bisschen komisch, wenn man am Haus vorbeikommt - etwa so, wie wenn man an einem Spital oder einem Friedhof vorbeifährt.»

Selbst beim FC Pfäffikon mag man sich über Dignitas nicht mehr aufregen. Noch vor vier Monaten hatte Theo Widmer, zuständig für den Spielbetrieb, gegenüber den Medien grosse Bedenken angemeldet, von einem «unzumutbaren Zustand» gesprochen. Der Fussballplatz befindet sich etwa 100 Meter schräg gegenüber dem Dignitas-Haus. Heute sagt Widmer: «Es ist nichts anders geworden als früher. Man merkt wirklich nichts.» Weder habe er je einen Leichenwagen noch sonst etwas gesehen. Auch Eltern und Trainer hätten sich bisher nie beklagt.

Minelli: «Bin gut angekommen»

Es scheint, als habe Dignitas nach einer Odyssee endlich eine Bleibe gefunden. Dignitas-Chef Minelli bestätigt auf Anfrage, dass er in Pfäffikon «gut angekommen» ist. «Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist sachlich und konstruktiv. Ich schätze das sehr. Wir achten auch sehr darauf, die Rechnungen der Gemeinde für ihre Dienstleistungen pünktlich zu bezahlen.»

An sich sollte das blaue Haus in Pfäffikon nur eine Übergangslösung sein. Minelli erwarb 2008 in Wetzikon eine Liegenschaft an der Talstrasse. Sie ist seit letztem Sommer eingerichtet und bezugsbereit. Die kantonale Baurekurskommission hat die Umnutzungsbewilligung für Sterbebegleitungen jedoch verweigert - wegen «ideeller Immissionen». Minelli hat gegen diesen Entscheid das Verwaltungsgericht angerufen. Ein Entscheid steht noch aus. Die Frage, ob er in Anbetracht der aktuell befriedigenden Situation in Pfäffikon bleiben möchte oder ob er nach wie vor mit einem Umzug nach Wetzikon liebäugelt, liess Minelli offen.

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