Christian Bütikofer

Die Deutsche Martha H. wählte nach 81 Jahren den Freitod: Als Mitglied der Sterbehilfeorganisation Dignitas reiste sie von Kiel in die Schweiz und trank am 20. Juli 2003 in Zürich den Giftcocktail. Anschliessend wurde sie kremiert und ihre Asche in einer Urne aufbewahrt. Wenige Wochen später versenkte Dignitas «in den Abendstunden» die sterblichen Überreste von Martha H. im Zürichsee, wie ein Dokument zeigt, das dieser Zeitung vorliegt.

Minelli droht hohe Geldstrafe

Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli entsorgte die Asche offenbar gleich selbst. Er berichtete dem amerikanischen Magazin «The Atlantic», er sammle die Urnen, bis der Kofferraum seines Autos genug gefüllt sei. Dann fahre er abends an einen ruhigen Ort und versenke alles im Zürichsee. Das gewerbsmässige Entsorgen von Urnen im See ist nicht gestattet, Minelli droht eine hohe Geldstrafe.

Martha H. wollte ihre letzte Ruhestätte nicht im Zürichsee, Minelli habe deren letzten Willen missachtet, schrieb die «NZZ am Sonntag». Sie stützt sich auf Aussagen und Dokumente von Martha H.s Stieftochter. Minelli hätte die Urne nach Deutschland senden sollen; Martha H. wollte in Kiel neben ihrem Ehegatten bestattet werden. Minelli bestreitet diese Vorwürfe. Auf der Dignitas-Webseite schreibt er, im Dossier von Martha H. befinde sich eine handschriftliche Notiz, die kurz vor ihrem Freitod erstellt wurde. Dort stehe: «Urne in See».

Ex-Sterbehelferin widerspricht

Minelli attackiert seine ehemalige Bürochefin Soraya Wernli massiv: Er bezeichnet die Krankenschwester als «psychisch gestört». Die Aargauerin Wernli ist eine dezidierte Kritikerin von Dignitas und hat als Informantin der Zürcher Stadtpolizei verdeckt Informationen über die Organisation geliefert.

Soraya Wernli bestätigt im Gespräch mit dieser Zeitung, sie habe Martha H. in den Tod begleitet und sei nie von ihrer Seite gewichen. Sie wisse deshalb, wie deren letzter Wunsch lautete: «Bis zum Schluss war Martha H. überzeugt, dass sie zu ihrem Ehemann ins Grab nach Kiel kommt.»

«Zustupf» von 210'000 Franken

Dass Dignitas Urnen im See versenkt, erstaunt Wernli nicht: «Es kostet weniger, als das Päckchen ins Ausland zu schicken.» Ein Auszug der Buchhaltung von Dignitas zeigt: Im Jahr 2003 wurden immer wieder grosse Geldbeträge mit dem Vermerk «Zustupf» verbucht.

Auch Martha H. zahlte Dignitas über 210 000 Franken. Das ist viel mehr, als die Mitgliedschaft oder die Freitodbegleitung bei Dignitas kostet. Laut Wernli seien immer wieder Frauen ohne Angehörige gekommen, die Minelli Geld bar überbracht hätten – bis zu 100 000 Franken. In der Buchhaltung ist etwa auch Maria K. erwähnt, die einen «Zustupf» von über 60000 Franken beisteuerte. Ludwig A. Minelli war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.