Dieses Gefühl einer Sehnsucht

Farol machen Musik, die aus dem Nichts auftauchte und wieder verschwindet. In Dietikon hinterliessen die melancholischen Melodien Wehmut und ein sanftes Glücksgefühl.

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Dieses Gefühl einer Sehnsucht

Dieses Gefühl einer Sehnsucht

Limmattaler Zeitung

Isabel Hempen

Wie das so ist mit Musik, wird man auch den Klängen des Duos Farol bestenfalls annähernd gerecht, wenn man sie mit Worten beschreibt. Besser, man zeichnet Bilder: ein Akkordeon, eine Violine, das offene Meer.

Farol, der Leuchtturm

Dort, irgendwo an einem mediterranen Hafen, sieht man Irene Bhend-Kaufmann und Claudio Canonica vor dem geistigen Auge spielen. In Wahrheit ist ihre Kulisse an diesem Abend der gut besetzte Dietiker Stadtkeller, man vergisst es jedoch schnell: Frescobaldis Toccata erklingt leicht wie eine Brise, vergänglich, ein Hauch Melancholie schwingt mit.

Unwillkürlich muss man an «Le Phare» denken, ein Album des französischen Musikers Yann Tiersen, der auch die Soundtracks zu «Amélie» und «Good Bye, Lenin» schrieb. Und realisiert erst dann, dass ja wie «Le Phare» auch «Farol» Leuchtturm heisst, auf Portugiesisch. Farol machen «Musik, die aus dem Nichts auftaucht und wieder verschwindet», sagt Canonica. Wie ein Leuchtturm, der etwas Vertrautes erhelle, das sich in der Nacht entziehe.

Zeitlose Melodien

In Bachs Sonate in E-Dur wird Canonicas Geigenspiel zum Schifflein, das in den auf- und abwogenden Wellen von Bhend-Kaufmanns Bassakkorden schaukelt. Ihr Blick geht in die Ferne, die Harmonikaspielerin lächelt wehmütig. Die Weisen, die die beiden Musiker ihren Instrumenten entlocken, klingen nicht nach Bach, nach Frescobaldi, nach Barock. Sondern irgendwie zeitlos.

Vielleicht liegt das am Zusammenspiel von Violine und Akkordeon. Er habe eine solche Kombination noch nie gehört, meint ein Zuhörer, sie sei «wunderbar». Vielleicht ist es aber auch dieses Gefühl einer unerklärlichen Sehnsucht, diesem «Saudade», wie man auf Portugiesisch sagt, die die Musik des Duos Farol durchdringt. Canonica verbrachte einige Zeit in Brasilien und Portugal. «Musik», sagt er, «ist genau das für mich: ‹saudade›.»

Canonica und Bhend-Kaufmann lernten sich an der Musikschule in Würenlos kennen, wo sie beide unterrichten. Seit vier Jahren spielen sie zusammen, Stücke, die sie selbst berühren. Sie hätten nicht den Anspruch auf Grösse und Renommee, meint Canonica bescheiden. Wichtiger sei ihnen, «schreitend weiterzugehen», «Werke gegenwärtig zu machen und wieder gehen zu lassen». Sie spielten gerne auf der Bühne vor Leuten. Aber eben so gerne nur zu zweit: «Wir üben viel am Morgen um sechs, bevor der Unterricht beginnt. Das ist wie eine Einstimmung auf den Tag.»

In die Ferne schauen

«Caprice Basque» von Pablo de Sarasate: Das Akkordeon hält sich leise walzend im Hintergrund, die Tasten sind nur angetippt, die Geige jammert. «...schwankend zwischen Wunsch und Grauen in die fremde Ferne schauen ...», zitiert Canonica Maria Müller Gögels «Blaue Stunde». Ein Zuhörer beschreibt die Stimmung so: «Geniessen, sich selbst sein, träumen.»