Matthias Scharrer

Joos Bernhard ist einer von abertausend Pendlern, die täglich nach Zürich fahren. Der Thurgauer nimmt dafür allerdings den Zug - anders als die rund 120 000 Pendlerinnen und Pendler, die mit dem Auto kommen. Sein Metier: das Verkehrssystem der Stadt Zürich. Es ist am Anschlag. Die Strassen sind zu 98 Prozent ausgelastet. Werktags sind über 260 000 Autos in der Stadt unterwegs. Die kleinste Störung kann zu Stau führen. Und zurzeit gibt es gleich mehrere grosse Störfaktoren: Hauptverkehrsachsen wie die Hardbrücke, die Westtangente - durch die bis zur Eröffnung der Westumfahrung der Transitverkehr rollte - sowie die Pfingstweidstrasse sind Grossbaustellen. Als Leiter des Bereichs Regelung und Entwicklung in der Dienstabteilung Verkehr ist Bernhard dafür zuständig, dass der Verkehr trotz alldem fliesst - wenn immer möglich.

Stosszeit dauert länger

Immer möglich ist dies allerdings keineswegs. «Die Teilsperrung der Hardbrücke wirkt sich so aus, wie wir es uns vorgestellt haben», sagt Bernhard, den die Sanierung der Hardbrücke seit zehn Jahren beschäftigt. Rückstau gebe

es im Norden Richtung Aubrugg und im Süden am Ende der Sihlhochstrasse. In die Quartierstrassen, wo generell Tempo 30 gilt, weiche praktisch niemand aus. Die Verkehrsmenge habe sich wegen der Baustelle Hardbrücke um zirka 20 Prozent verringert. Aber die Stosszeit dauere länger: statt wie bisher von 6.30 bis 8.30 Uhr nun von 6 bis 9.30 Uhr. «Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass man fahren kann. Und wenn der Verkehr stillsteht, dann dort, wo es am wenigsten stört, also wo keine öffentlichen Verkehrsmittel und möglichst wenige Anwohner betroffen sind», erklärt Bernhard. Der Stau am Ende der Sihlhochstrasse sei insofern «gewollt».

Ein vollautomatisches System

Doch wie lenkt die Dienstabteilung Verkehr, die auf gleicher Stufe mit der Stadtpolizei zum Polizeidepartement gehört, eigentlich den Verkehr in Zürich? «Es ist ein vollautomatisches System», sagt Bernhard. «So ein komplexes System kann ein Mensch gar nicht überblicken.»

3500 Sensoren liefern Informationen an die Computer der städtischen Staumanager. Die Sensoren sind grossteils in die Strassen eingelassen. Sie erfassen auch Trams und Busse, die deshalb an den Ampeln immer grünes Licht haben. Ebenso Feuerwehr- und Sanitätsautos. Selbst einige Velowege sind mit Sensoren versehen. Und wenn Fussgänger an der Ampel auf den Knopf drücken, fliesst diese Information ebenfalls ins vollautomatische System ein. Angestellte der Dienstabteilung Verkehr überwachen lediglich, ob die Sensoren und die Verkehrsregelungsanlagen funktionieren. Wenn nötig, sorgen sie für Abhilfe. Bei Unfällen regelt die Polizei vor Ort den Verkehr.

Das vollautomatische System reagiert nach vorgefertigten Programmen. Und hat dabei im Grunde zwei Optionen: Grün- oder Rotlichtphasen an den 385 Lichtsignal-Standorten verlängern oder verkürzen. Die Phasen dauern zwischen 10 und 25 Sekunden.

Generell gilt laut Bernhard die Faustregel: Viel Verkehr - viel grünes Licht. Und bei Verkehrsüberlastung weniger grün. «In eine Stadt, die Fussgänger, Tram und Bus hat, kann man nicht sämtlichen Verkehr hineinlassen. Die Verkehrsregelung verhindert einen Zusammenbruch des Verkehrs», sagt der Staumanager, der als gelernter Elektroingenieur Spezialist für Mess- und Regeltechnik ist.

Stadttunnel und Gebühren als Chance

In gewissen Kreisen - etwa bei SVP-Regierungsratskandidat Ernst Stocker - brachte diese Praxis der Stadt Zürich den Vorwurf ein, sie errichte eine Mauer um sich. Das geplante neue kantonale Strassengesetz sieht gar vor, den Städten Zürich und Winterthur die Hoheit über die Strassen auf ihrem Gebiet zu entziehen. Doch auch unter der Hoheit des Kantons gäbe es kaum andere Möglichkeiten als das geltende Verkehrsregime, meint Bernhard. «Fachleute wissen: Man kann nicht mehr Verkehr in die Stadt lassen.»

Also alles bestens? Nicht ganz. Zwei Massnahmen könnten das System aus Sicht von Fachmann Joos Bernhard verbessern: zum einen der Bau eines Stadttunnels, der Zürichs Umfahrungsring schlösse. Zum anderen Gebühren, die Autofahrer zahlen müssten, wenn sie zur Stosszeit um 8 Uhr morgens in die Stadt wollen.