Fernsehen
Diese Türkin sieht zum ersten Mal einen Film

Auch Fernsehen will gelernt sein. Nur wer Vorkenntnisse hat, kann Filme und TV-Sendungen verstehen. Das ist das Resultat einer wissenschaftlichen Untersuchung in einem abgelegenen Bergdorf in Ostanatolien.

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Das TV-Experiment in Ostanatolien
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Das TV-Experiment in Ostanatolien

Wie reagieren Menschen, die noch nie in ihrem Leben einen Film gesehen oder Fernsehen geschaut haben, auf bewegte Bilder? Eine deutsch-türkische Forschergemeinschaft wollte es genauer wissen - und wagte ein aussergewöhnliches Experiment.

Ausgerüstet mit einem Laptop machte sich die türkische Filmwissenschafterin Sermin Ildirar auf in eine abgelegene Bergregion in Ostanatolien. Dort präsentierte die Forscherin einer Testgruppe von 20 erwachsenen Dorfbewohnern, die alle über keinerlei Erfahrungen mit elektronischen Medien verfügten, kurze Videosequenzen.

Alltägliche Szenen

Die Clips zeigten nicht etwa Ausschnitte aus komplexen Filmkunstwerken oder aus anspruchsvollen TV-Programmen, sondern alltägliche Szenen wie die Zubereitung von Tee und Mahlzeiten oder den Bau eines Holzzaunes.

Trotzdem bekundeten die Probanden teilweise grosse Mühe damit, das Gesehene zu verstehen, wie aus den nun publizierten Studienergebnissen hervorgeht.

Filmtypische Darstellungsmittel, wie den Wechsel der Kameraperspektive während eines Gesprächs, eine Ereigniszusammenfassung mit einem Zeitsprung oder auch die Betrachtung eines Geschehens aus dem subjektiven Blickwinkel des Protagonisten - das alles liess die ostanatolischen Dorfbewohner ratlos zurück.

Nicht ohne Vorkenntnisse möglich

Nach Ansicht der Forscher entkräftet die Studie somit die weit verbreitete Annahme, dass Filme schauen der natürlichen Wahrnehmung so ähnlich ist, dass es auch ohne Vorkenntnisse stattfinden kann.

Für den Kognitionspsychologen Stephan Schwan vom Tübinger Institut für Wissensmedien, der die Studie gemeinsam mit Sermin Ildirar durchgeführt hat, sind die Ergebnisse der Forschungsarbeit vielmehr ein Beleg dafür, dass «bereits das Verstehen einfachster Filme auf höheren kognitiven Prozessen beruht.»

«Ein seltener Glücksfall»

Die Situation in Ostanatolien sei aus Forschungssicht ein seltener Glücksfall gewesen, erklärt Schwan. «Sie hat uns erstmalig empirischen Aufschluss darüber gegeben, dass man Filmschauen und Fernsehen lernen muss.»

Und auch mit einem alten Mythos räumt die Untersuchung endgültig auf: Entgegen Berichten aus den Anfängen der öffentlichen Filmvorführung, fanden die Forscher keine Hinweise darauf, dass die Filme von den Zuschauern für «echt» gehalten und mit der Realität verwechselt wurden. Die Berichte schilderten aufgebrachte Kinobesucher, die damals aus ihrem Sessel aufgesprungen sein sollen, weil sie fürchteten, aus der Leinwand würde eine Eisenbahn auf sie zufahren, (bau)