Michael Winterhoff

«Diese Jugendlichen sind psychisch unreif»

Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff.

Autor Michael Winterhoff

Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff.

Über jugendliche Gewalttäter wird heftig debattiert. Die neue Lust an der Gewalt irritiert. Der deutsche Psychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff stellt eine Beziehungsstörung zwischen Eltern und Kindern fest.

Von Claudia Landolt Starck

Herr Winterhoff, Forderungen nach härterer Bestrafung von gewalttätigen Jugendlichen werden lauter. Nützen Strafen überhaupt?

Dr. Michael Winterhoff: «Wenn Jugendliche schwere bis schwerste Körperverletzungen ausführen, müssen sie entsprechend ihrem Alter zur Rechenschaft gezogen werden. Ob diese Bestrafung sie verändern oder ihnen die Chance geben wird, sich zu verändern, steht allerdings auf einem anderen Blatt.»

Wie beurteilen Sie die in letzter Zeit aufgetretenen Fälle krasser Jugendgewalt?

Winterhoff: «Als Fachmann bin ich leider seit Jahren mit derartigen Prügeleien konfrontiert, in denen es um die reine Lustbefriedigung ohne jegliches Schuldbewusstsein oder Problemeinsicht geht.»

Woher kommt diese Lust an Gewalt?

Winterhoff: «Die Symptome sind nur erklärbar über eine unterentwickelte Psyche. Die Jugendlichen sind psychisch auf dem Stand eines Kleinkindes. Die bis vor zehn Jahren erklärbaren Hintergründe wie selbsterlebte schwere Misshandlung und/oder Verwahrlosung reichen nicht mehr aus.»

Wie geht das: Jugendliche auf dem psychischen Stand eines Kleinkindes?

Winterhoff: «Der Grund hierfür liegt in einer den Erwachsenen und damit auch den Eltern nicht bekannten Beziehungsstörung, und zwar in Form einer falschen Partnerschaftlichkeit schon dem Kleinkind gegenüber. Das Kind ist für die Eltern Partner oder gar Teil ihrer selbst.»

Sie sprechen in diesem Fall von einer «Symbiose».

Winterhoff: «Seit Mitte der neunziger Jahre ist vermehrt zu beobachten, dass der Erwachsene vom Kind geliebt werden will und sich von ihm abhängig macht. Seit 2002 sieht man das symbiotische Verhältnis. Das Kind dient zur unbewussten Kompensation.»

Und wird später erziehungsresistent?

Winterhoff: «Es bleibt psychisch unreif. Sein körperliches und sein psychisches Alter klaffen weit auseinander. Ein Zugang zu solchen Kindern scheint unmöglich geworden zu sein, sie terrorisieren ihre Umwelt mit einem inakzeptablen Verhalten und suchen permanent die Auseinandersetzung.»

Was fehlt?

Winterhoff: «Ein echtes, lenkendes Gegenüber.»

Erzieher also.

Winterhoff: «Wenn Kinder den Erwachsenen nicht als einen solchen erleben, sondern als einen sie überfordernden Partner, der ihnen vieles offenlässt, dann fehlt die nötige Abgrenzung. Die Erfahrung, nicht immer alles gleich zu bekommen, ist ein wichtiger Lernprozess.»

Das Beste für sein Kind zu wollen, ist also Ausdruck einer überzogenen, symbiotischen Liebe?

Winterhoff: «Viele Eltern behandeln ihr Kind als wertvolles, kostbares Gut. Gleichzeitig vergessen sie, ihre Position als Erzieher wahrzunehmen. Sie behandeln das Kind als eine Persönlichkeit, die bereits als Baby über eine Autonomie verfügen soll, als sei es ein Erwachsener.»

Selbständigkeit ist doch ein wünschenswerter Charakterzug.

Winterhoff: «Nicht wenn Eltern die Selbständigkeit ihrer Kinder damit verwechseln, ihnen keinerlei Regeln für ihr tägliches Verhalten an die Hand zu geben. Selbständigkeit hat nichts mit Selbstbestimmung im Sinne einer «Mit dem Kopf durch die Wand»-Mentalität zu tun.»

Was ist schlecht an der Fähigkeit, sich durchzusetzen?

Winterhoff: «Es liegt in der narzisstischen Natur von Kindern, Dinge durchsetzen zu wollen. Viele Eltern interpretieren die Verweigerungshaltung ihrer Kinder in ganz vielen alltäglichen Dingen aber als Ausdruck ihrer besonderen Persönlichkeit.»

Nennen Sie ein Beispiel für die partnerschaftliche Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Winterhoff: «Früher wurden heikle Gesprächsthemen am Abend besprochen, heute wird alles ausdiskutiert, und Kinder dürfen mithören, obwohl es Themen gibt, die sie eindeutig überfordern. Oder: Früher kochte die Grossmutter des Enkels Lieblingsessen, nachdem er sich die Hände gewaschen, den Tisch gedeckt hatte und bis zur Beendigung der Mahlzeit sitzen geblieben war. Heute kocht sie es, um ihn bei Laune zu halten.»

Dies ist ein Auszug des Interviews, das in der aktuellen «Weltwoche» erschienen ist. www.weltwoche.ch

Der Autor:
Michael Winterhoff, geboren 1955, ist Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sein erstes Buch «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» (Gütersloher Verlagshaus) wurde mit über 400 000 verkauften Exemplaren ein Bestseller.

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