Diese heitere Melancholie . . .

Dschane: Musikalität gepaart mit Sinnlichkeit. (Peter Belart)

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Dschane: Musikalität gepaart mit Sinnlichkeit. (Peter Belart)

Auf Sennhütten wurde der längste Tag des Jahres gefeiert

Peter Belart

Sommeranfang. Es ist nicht heiss, nicht einmal besonders warm, und später muss man sich mindestens einen Pullover überziehen. Eigentlich nicht unbedingt Wetter, das zum längeren Aufenthalt im Freien einlädt. Aber hier oben auf Sennhütten ist alles anders; hier gelten andere Gesetze. Oder ist ein anderer Ort vorstellbar, wo sich die Hauptdarsteller des Abends schon lange vor Programmbeginn unters Publikum mischen, das Essen einnehmen, wo sich die Musiker in Kleinformationen spontan zusammenstellen und drauflos improvisieren, wo Kinder lachend durch die Szenerie laufen, wo Hunde spielen und wo sich wildfremde Menschen für ein paar Stunden nahe fühlen?

Die sechs Musiker von Dschané haben sich neben den Wanderwegweiser gruppiert und lassen die eine und andere Melodie ihres Repertoires anklingen. Seltsam, diese wilden Rhythmen, diese spürbare Lust am Musizieren, diese Fremdartigkeit des Auftritts - und dahinter die gelben Pfeile: Remigen 2 Std., Brugg 2 Std. 10 Min., Laufenburg 2 Std. 45 Min., Oberbözberg 50 Min. Auf schier unerklärbare Weise kommen da Welten zusammen, die sich sonst kaum berühren.

Der Baggerführer weint

Simon Lipsig muss hier wohl nicht mehr näher vorgestellt werden. Slam-Poetry nennt sich seine Kunstform. Er könnte auch unter den Begriffen Beobachter, Psychologe, Komiker, Selbstdarsteller, Sprach- und Sprechakrobat durchgehen. Vom Nachbarn erzählt er, vom coolen Marcel, vom Baggerführer, vom Grossvater: witzig, spannend, voller überraschender Pointen. Die Leute lachen, lachen, lachen. - Aber der Nachbar sieht nie das Schöne, der jugendliche Marcel ist im Grunde genommen ganz einsam, und der Baggerführer und der Grossvater weinen am Schluss ihrer Episode.

Eben hat noch die Sonne geschienen, jetzt fällt ein leichter Regen.

Geschenke

Dann betritt die Formation Dschané die rustikale Bühne. Ein abenteuerlicher Anblick, zunächst wegen der Kleidung und der Frisuren der beiden Frauen, aber auch die Charaktere, die jedes einzelne Mitglied der Gruppe erahnen lässt. Et-was Unergründliches liegt darin, Freiheitsdrang vielleicht, Lebenslust, etwas von der Ungebundenheit und vom Selbstbewusstsein jener Menschen, die ihnen ihre Melodien und Texte liefern: die Fahrenden, die Roma, die unzähmbaren Völker des Ostens. Und da ist wohl auch ein Stück Sehnsucht eines jeden Anwesenden, Sehnsucht nach dem ganz andern Leben, in dem allein das Jetzt zählt.

Die Melodien - fast alle in Moll - berühren zutiefst. Wieder ist da einer jener merkwürdigen Gegensätze dieses Abends: Die Künstlerinnen auf der Bühne strahlen und lächeln, aber die Melancholie in den Liedern ist unüberhörbar, und unversehens spürt man eine gewisse Beklemmung.

Die Menschen applaudieren. Sie wissen, dass sie etwas ganz Besonderes erlebt haben. Du sitzt da, blickst zum Wald hinüber und lässt die Gedanken spazieren. Du sitzt da und bemerkst, dass das Gesicht von fast allen Menschen durch ein Lächeln erhellt und verschönert wird. Du sitzt da, und dein Blick wird von hier und von dort mit einem freundlichen Nicken quittiert. Du sitzt da und freust dich über die unerwartete Begegnung mit einem Menschen, den du vierzig Jahre nicht mehr gesehen hast.

Sommeranfang. Simon Lipsig hat gesagt: «Die Geschenke liegen vor einem, und man sieht sie einfach nicht.»

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