Diese Fenster öffnen auch Türen

Harmonisch: Die Pyramide aus Christbaumkugeln unter der roten «Sonne» lässt Feriengefühle aufkommen. Oliver Menge

Christbaumkugeln

Harmonisch: Die Pyramide aus Christbaumkugeln unter der roten «Sonne» lässt Feriengefühle aufkommen. Oliver Menge

An jedem Tag im Advent öffnet sich in Grenchen ein besonderes Fenster. Bei einem Gläschen Glühwein oder Tee bewundern die Gäste das selbst gebastelte Werk, lernen ein «neues Eggeli» der Stadt kennen und schliessen Bekanntschaften. So die Idee der Erfinderinnen. Doch: Welche Absicht steckt wirklich hinter dem Bemühen?

Brigit Leuenberger

Es ist augenfällig: Mehr als die Hälfte der Adventsfenster, die sich in diesen Tagen öffnen, werden nicht von privaten Bastlerinnen und Bastlern geschmückt. Öffentliche Institutionen - etwa das Kultur-Historische Museum, die beiden Altersheime, die Rodania, das Lindenhaus, die Kirchen - und Gewerbetreibende sind es, die den grösseren Teil der Liste ausmachen. «Diese Entwicklung war sicher nicht unser Bestreben», stellt Renata Käser klar.

Neun Jahre sind vergangen, seit sie zusammen mit Brigitte Hess und Marietta Wangeler an der Bärgchilbi zusammensassen und im Gespräch auf die Idee der Grenchner Adventsfenster kamen. «Neu war es ja nicht. Man kannte solche Aktionen bereits aus Dörfern. Wir aber wollten das Projekt auf die Stadt ummünzen», erklärt Renata Käser. Und es gelang. Heute sind die Adventsfenster nicht mehr aus der Jahresagenda der Stadt wegzudenken.

Jedes Fenster hat eine Geschichte

Werben müssen die Initiantinnen mittlerweile kaum mehr für ihr Anliegen. «Das Ganze läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda, ohne dass wir viel tun», erzählt Renata Käser. Dass die Idee des «Mit- und Füreinander» möglicherweise nicht bei allen Aktionsteilnehmern im Zentrum steht, sondern vielmehr die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen und eine kostenlose Werbeplattform zu erhalten, löst bei Renata Käser indes ein mulmiges Gefühl aus. «Die Vorstellung, dass es so sein könnte, tut mir weh», betont sie.

Ihre Erfahrung ist aber eine andere: «Hinter jeder Institution stehen Menschen, die den Aufwand auf sich nehmen, solch ein Fenster zu gestalten. Wenn wir jeweils am 6. Januar mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Rundfahrt durch Grenchen machen und uns alle Fenster ansehen, hören wir jedes Mal wunderschöne und sehr persönliche Geschichten, unabhängig, ob es sich dabei um private Haushalte oder öffentliche Institutionen handelt.»

Ein kleiner Schritt hin zum Kommerz

Was sagen die Beteiligten selbst? «In erster Linie beteiligen wir uns aus reiner Freude», erklärt Regula Lüthi, Leiterin vom Lindenhaus. Seit Beginn der Aktion gestaltet sie mit den Jugendlichen ein Adventsfenster. «Wir besprechen jeweils vorgängig mögliche Motive und setzen dann die beste Idee um», erzählt sie. Natürlich habe sie dabei auch den Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit im Visier. «Wir sehen die Aktion als Möglichkeit, uns und unsere Anliegen bekannter zu machen.»

Dieses Bestreben sei jedoch nicht kommerzieller Art, betont Regula Lüthi. «Das Lindenhaus ist eine wichtige Grenchner Institution, die sich für die Jugend einsetzt. Wir profitieren ja nicht persönlich davon.» Mühe hätte sie hingegen, wenn Gewerbetreibende ein Adventsfenster präsentieren und gleichzeitig Ware verkaufen würden. «Der Schritt dazu ist klein, würde die Aktion aber komplett zweckentfremden.»

Die Innenstadt beleben

In der Innenstadt wird ab kommender Woche der Claro-Weltladen ein Adventsfenster präsentieren. Die Idee sei es ursprünglich durchaus gewesen, neue Kunden anzulocken, sagt Käthi Walter. Die Erfahrung habe aber gezeigt, dass deswegen nicht mehr Leute ins Geschäft kämen. Zudem sei der Claro-Laden kein kommerzielles Unternehmen. «Wir alle arbeiten ehrenamtlich für eine gute Sache.» Und letztlich ist Käthi Walter auch überzeugt, mit der Teilnahme an der Adventsaktion im Sinne des Gewerbeverbandes zu handeln. «Ziel ist es doch, dass die Innenstadt attraktiver wird und dass etwas läuft. Dafür setzen wir uns ein.»

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