Turm des Richtfunkzentrums Albis-Felsenegg wird 50 Jahre alt

„Diese Anlage war von zentraler Bedeutung für das Richtfunknetz“

Hans Fischbacher erklärt die Funktion der grossen Richtstrahlantennen. (Bild Marcus Weiss)

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Hans Fischbacher erklärt die Funktion der grossen Richtstrahlantennen. (Bild Marcus Weiss)

Unbeachtet von Medien und Oeffentlichkeit hat im zu Ende gegangenen Jahr 2009 ein markantes Bauwerk, dessen Funktion weit über die Grenzen unserer Region hinausreicht, seinen 50. Geburtstag gefeiert. Der Turm des Richtfunkzentrums Albis-Felsenegg spielte bei zahlreichen europaweiten Fernsehübertragungen eine tragende Rolle.

Von Marcus Weiss

Er ist nicht zu übersehen, der an exponierter Lage auf dem Albisgrat errichtete Swisscom-Turm bei der Felsenegg, ein Wahrzeichen, das auch den Bewohnern des Säuliamts schon aus grosser Distanz den Weg nach Hause weist. Dass das markante Gebilde dieses Jahr fünfzig Jahre alt geworden ist, würde man wohl nicht auf den ersten Blick vermuten, denn irgendwie wirkt der Turm mit seinen verschiedenartigsten Antennen bis hin zur Grösse eines Einfamilienhauses noch immer futuristisch. „Der Betrieb fand vorher auf dem Üetliberg statt, die Felsenegg als Standort wurde in den 1950er Jahren aufgrund der guten Sichtverbindungen nach allen Seiten und wegen des notwendigen geografischen Abstands zur weiterhin auf dem Uetliberg verbleibenden Sendeanlage ausgewählt", erklärt Hans Fischbacher, der die Station hoch über Adliswil als Teamleiter von 1985-1999 betreute.

„Es handelt sich um ein Richtfunkzentrum, das unter anderem als Schaltzentrale für nationale und internationale Verbindungen diente, präzisiert der Techniker aus Leidenschaft, der seine berufliche Laufbahn als Fernmeldespezialist bei der damaligen PTT begonnen hatte und auch heute noch von der Felsenegg aus operiert, allerdings in ganz anderer Funktion. Auf dem Jungfraujoch und auf dem Titlis befanden sich die Gegenstationen zur Alpenquerung im Richtfunknetz, weitere Korrespondenzpunkte waren der Säntis in der Ostschweiz und der Chasseral im Jura.

Berichterstattungen bis nach Japan

Unerlässlich beim Richtfunk, dem -nicht zuletzt wegen der 99,9 prozentigen Zuverlässigkeit- zeitweise eine enorme Bedeutung zukam, ist laut Fischbacher die Sichtverbindung zwischen den beiden korrespondierenden Stationen. Diese kann zwar durch atmosphärische Phänomene wie etwa Nebel oder starken Regen eingeschränkt sein, es darf jedoch kein Berg oder ein sonstiges Hindernis dazwischen liegen. Welcher Art aber waren die Informationen, die da von Turm zu Turm weitergeleitet wurden? „Es handelte sich vor allem um Fernsehprogramme, beispielsweise wurde über unsere Anlage und eine Satellitenverbindung die Berichterstattung über die Abstimmung zum Frauenstimmrecht in Appenzell nach Japan übertragen", lautet dazu die Antwort des Fachmanns. Eine wichtige Funktion des Richtstrahlzentrums Albis, wie der „Felseneggturm" offiziell heisst, war auch die Schaltung der Eurovisions-Fernsehsendungen. Bei vollem Betrieb waren im ohne Antenne gut fünfzig Meter hohen Gebäude bis zu vierzehn Personen beschäftigt, darunter sechs Disponentinnen, die mehrere Fremdsprachen fliessend beherrschen mussten.

Auch gegessen wurde im Gebäude

Auch in weniger hektischen Betriebssituationen waren zu diesen Zeiten tagsüber immer mindestens zwei Angestellte in der Richtfunkstation präsent, gearbeitet wurde in zwei Schichten. „Ausser natürlich bei interkontinentalen Uebertragungen, da gab es oftmals auch Nachteinsätze", erinnert sich Hans Fischbacher. Da die Anlage während des Betriebs nicht verlassen werden durfte, ist sie mit einer Art Mini-Kantine ausgestattet, einer gemütlich eingerichteten Küche mit Esstisch. Eine eigens angestellte Köchin bereitete das Essen zu. Um sicherzustellen, dass die Angestellten frühmorgens zu ihrem luftigen Arbeitsplatz gelangen konnten, war ein Zubringerdienst per VW-Bus eingerichtet worden, der von Zürich über Adliswil, Langnau und die Buchenegg zum Richtstrahlturm fuhr. Für den Schichtwechsel am Mittag konnte die Luftseilbahn benützt werden (diese wurde gerade einmal fünf Jahre vor dem Turm eröffnet).

Nur ein Drittel der Antennen ist noch am Turm

220 Richtfunkantennen waren in den „Boomjahren" am Turm befestigt, davon nicht weniger als 75 grosse Parabolspiegel. Doch inzwischen hat der Richtfunk stark an Bedeutung verloren, das Glasfaserkabel und die direkten Satellitenverbindungen haben der einstigen Zukunftstechnologie den Rang abgelaufen. Deshalb sind heute nur noch etwa ein Drittel der Antennen auf den Plattformen rings um das Gebäude vorhanden. „Es ist eine extrem rasante Entwicklung, die sich da innert kürzester Zeit vollzogen hat, ein totaler Technologiewandel ist eingetreten", erklärt Peter Kerker, Leiter Region Ost bei der Swisscom Broadcast AG. „Dieser vermag als Folge der immer kompakter gebauten Anlagen ein solches Haus regelrecht auszuhölen". Nach dem Jahr 2000 hat dafür der Richtfunk der Mobiltelefon-Provider an Bedeutung gewonnen, und auch Betreiber von Kabel-TV-Netzen in der Ostschweiz haben sich im Richtfunkzentrum eingerichtet, um von hier aus ihre Programme per Richtfunk oder Glasfaserkabel zu verteilen. Ganz überflüssig wird die einst so bedeutende Anlage auf der Felsenegg also auch in Zukunft nicht.

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