Sabine Kuster

In der Ausstellung «Nonstop» des Stapferhauses geht es seit März dieses Jahres um die Zeit: um verlorene, lange oder geschenkte Zeit. In den Kirchen des Kantons geht es oft ums Innehalten und die Besinnung. Nun kombinieren das Stapferhaus, die reformierte und die römisch-katholische Kirche beides für eine gemeinsame Aktion: Die Zeiger von 40 Kirchturmuhren bleiben morgen stehen. Die meisten für zwei Stunden, manche sogar vier. «Wir können keine Zeit schenken», relativiert Frank Worbs, Projektleiter bei der reformierten Kirche, «aber wir wollen sie unterbrechen. Die Leute sollen innehalten und nachdenken können, zum Beispiel über ihre eigene Lebenszeit.»

Es ist kein Zufall, dass sich das Stapferhaus und die Landeskirchen für diese Aktion gefunden haben: Die

katholische und die reformierte Kirche unterstützen die Ausstellung «Nonstop» des Stapferhauses als Sponsoren. Mit dieser Aktion nehmen sie nun selbst teil und das Stapferhaus bringt die Thematik raus in die Gemeinden. «Wir sind gerne im öffentlichen Raum, und das Dezentrale gefällt uns», sagt Leila Hunziker vom Stapferhaus.

Atemloser Auftakt in Wettingen

Der Start-Event findet um 13 Uhr vor der römisch-katholischen Kirche St. Sebastian in Wettingen statt. Beim ersten

Glockenschlag fährt das Hubrettungsfahrzeug der Feuerwehr seine Plattform Turmuhr hoch. Um 13.05 Uhr wird das Uhrwerk angehalten und die Zeiger, welche in diesem Moment direkt übereinanderliegen, werden verhüllt. Um 13.10 Uhr erläutern verschiedene Referenten die Aktion und der Slam-Poet Simon Libsig tritt mit dem Text «Die Zeit - du fiese Sau» auf. 20 Minuten später beginnt die Veranstaltung in der Kirche. - Ein Terminplan, der nicht zum Ausruhen und Innehalten einlädt, das gesteht auch Projektleiter Worbs ein. «Der Start-Event ist knapp gehalten, schliesslich wollen wir nicht zu lange reden», sagt er. «Viel wichtiger ist der Anlass in der Kirche. Dort wird es entspannter zugehen.» Auf dem Programm stehen zum Beispiel der Agent XYQ/384/b aus Michael Endes «Momo» und der Bibeltext Kohelet 3 über die Zeit. In anderen Kirchengemeinden wird «Eile mit Weile» gespielt (Tegerfelden), Cellosuiten aufgeführt (Beinwil am See), Texte vorgelesen oder meditiert. Die Besucher dürfen die Kirchen zu jeder Zeit betreten und wieder verlassen - Pünktlichkeit spielt keine Rolle.

Auch die Kirchturmuhren bleiben nicht alle zur gleichen Zeit stehen. «Das wäre zwar schöner gewesen», sagt Worbs, aber wichtiger war ihm, dass möglichst viele Kirchen daran teilnehmen. Auch jene, in denen am frühen Nachmittag beispielsweise noch eine Trauung stattfindet. Es sei generell schwierig, die Kirchgemeinden für Aktionen zu gewinnen, denn diese hätten sonst schon viel zu tun. «Für sie ist es eine Zusatzbelastung, aber für die Öffentlichkeitsarbeit ist es wichtig», erklärt Worbs.

So sind unter den 40 Kirchen nur 11 katholische dabei, weil die Katholische Landeskirche mit einem weiteren Projekt beschäftig ist und weil wegen eines Wechsels in der Projektleitung die Kommunikation nicht immer gut lief.

Wiederanschalten wird knifflig

Zeit zum Innehalten - es ist gut möglich, dass manche Gemeinden mehr kriegen, als ihnen lieb wäre. Denn dass die Uhrwerke nach zwei Stunden wieder zu ticken beginnen, ist nicht sicher. «Das Problem sind nicht die mechanischen Uhren, sondern die elektronischen», sagt Worbs. Um möglichst schnell leere Batterien ersetzen oder andere technische Probleme lösen zu können, sind mehrere Techniker einer Firma für Kirchturmuhren auf Pikett. «Am Samstagabend soll der Sonntag eingeläutet werden können», sagt Worbs, «aber ich bin nicht sicher, ob es überall klappt.»

Die Ausstellung «Nonstop» des Stapferhauses in Lenzburg wurde verlängert bis zum 27. Juni 2010. www.stapferhaus.ch