Auf der Kennenlernplattform Tinder tummeln sich nun auch Uni-Dozenten. Selbst ein Professor einer Schweizer Universität wischt dort potenzielle Chatpartner nach links oder rechts, je nachdem, ob sie ihm gefallen oder nicht. Es ist, als ob in einer Disco auf dem Höhepunkt der Party plötzlich das Licht eingeschaltet würde und die Grossmutter spazierte zusammen mit dem Personalchef herein.

Tinder unterscheidet sich von anderen Partnervermittlungsdiensten wie Parship oder Elitepartner durch seine Spontanität und Leichtigkeit. Es verzichtet komplett auf das Ausfüllen komplizierter Fragebogen, mit deren Hilfe ein Algorithmus dann das passende Gegenüber findet. Bei Tinder gibt es nur Fotos und allenfalls ein paar Zeilen Text. Meist steht dort eine Selbstbeschreibung oder einfach nur ein Kalenderspruch. Tinder kam darum lange als anarchische Spielwiese daher. Studentinnen und Lehrlinge zeigten sich ungeniert in Bikini und Badehose und blickten cool oder verführerisch in die Kamera. Darunter prangte ein Konfuziuszitat. Nun nimmt Tinder zunehmend seriöse Züge an. Es ist gar nicht so lange her, da hätte man jemanden, der einen Tinder-Chat mit einer Begegnung in einer Bibliothek gleichsetzt, für verrückt erklärt. Doch genau das hat der erwähnte Uniprofessor getan. Und er hat gar nicht so unrecht damit.

Die Party ist vorbei

Zwar kann jeder Benutzer die Einstellungen so festlegen, dass nur noch potenzielle Partner einer gewissen Altersgruppe angezeigt werden. Auf diese Weise können Nutzer versuchen, ihre Singlemutter oder den Vorgesetzten aus der Firma zu umgehen. Doch die Vergrösserung des Nutzerkreises hat auch dazu geführt, dass jedes Profilbild früher oder später von jemandem aus dem Bekanntenkreis erspäht wird. Schlimmstenfalls landen so Screenshots der verführerischen Profilbilder im Klassenchat.

Es sieht ganz so aus, als könnte Tinder ein ähnliches Schicksal wie Facebook ereilen. Lange war das soziale Netzwerk von Mark Zuckerberg eine Spielerei für amerikanische Studenten und ein paar europäische Computerfreaks. Weil kaum jemand sich die Profile ansah, konnte man bedenkenlos auch die peinlichen Fotos vom Junggesellenabschied hochladen. Das änderte sich mit dem Erfolg.

Seriosität wegen des Erfolgs

Heute zählt die Plattform über zwei Milliarden aktive Nutzer. Je mehr Mitglieder ein Profil anlegten, desto seriöser wurde Facebook. Heute gleichen viele der öffentlich einsehbaren Profile Bewerbungsunterlagen. In diese Richtung geht es auch mit Tinder, denn die Nutzerzahl steigt. Das Unternehmen schreibt auf der eigenen Website, in 190 Ländern träfen sich pro Woche eine Million Menschen, die sich über Tinder kennen gelernt haben. Eine Viertelmillion Nutzer soll es alleine in der Schweiz geben. Dies sagte Online-Dating-Expertin Celia Schweyer gegenüber der «Nordwestschweiz». Über das Durchschnittsalter der Nutzer ist wenig bekannt. Die ursprünglich anvisierte Zielgruppe im Alter zwischen 18 und 35 dürfte sich aber nach oben ausgedehnt haben. Dies bestätigt Online-Datingexperte Daniel Baltzer auf Anfrage: «Die Generation, die noch Liebesbriefe von Hand schrieb, hatte anfangs Mühe mit der Bilderwischerei. Nach und nach entdeckt sie aber die Vorteile der App. Tinder ist längst nicht mehr nur eine Teenager-App.»

Derweil verabschiedet sich die junge Generation bereits wieder. So hat der «Jugendbarometer 2018» ergeben, dass die Flirt-App Tinder bei den 16- bis 25-Jährigen an Beliebtheit verliert. Diese Generation hat sich zwar nicht ganz aus dem Online-Flirt verabschiedet. Statt Tinder nutzt die junge Generation aber vermehrt andere Apps. Auch auf Instagram wird geflirtet. Die App kann Bilder verschicken, die beim Empfänger nicht gespeichert werden. Hier kann der anarchische Geist, der einst auch bei Tinder herrschte, wieder auferstehen. (Rit)