Rüti
Die Vision vom «Besuch der alten Dame»

Das Rütiger Dorforiginal Fritz Rechsteiner vereinigt so unterschiedliche Dinge wie Malerei, Eisenbahnen, Jugendarbeit und Theologie unter dem Dach des stillgelegten Bahnhofs. Nun will er dem Fixpunkt seines Lebens eine Hommage bringen: ein Freilichtspiel, an dem das ganze Dorf beteiligt sein soll.

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Besuch der alten Dame

Besuch der alten Dame

Grenchner Tagblatt

Daniela Deck

Zu erwarten ist bei Fritz Rechsteiner das Unerwartete. Der 45-Jährige sprüht vor Ideen wie eine Wunderkerze. Kunstbegeisterte finden im Atelier im Bahnhöfli Rüti eine Sammlung von Bildern. Die meisten sind in Acryl ausgeführt, einige kombiniert mit Collagen. «Ich spiele absichtslos mit Farbe und Form», sagt Fritz Rechsteiner über seine Malerei. «Ich weiss nie am Anfang, was am Schluss rauskommt.»

Die Ausnahme, ein Ölbild, porträtiert das Bahnhöfli. Da war das Ziel von Anfang an bekannt, und dieses bedeutet für ihn schlicht die Heimat. 1986 mietete der «fremde Fötzel», wie sich der gebürtige Basler schmunzelnd etikettiert, das Bahnhofsgebäude von der Bürgergemeinde. «Hier habe ich meine glücklichste Zeit verbracht», sagt Rechsteiner. Und doch verliess er Rüti 1990.

Zum Lokführer hats nicht gereicht

Fritz Rechsteiner gehört zu den Menschen, die viele Träume haben. Anders als vorsichtigere Zeitgenossen überlegt er bei der Umsetzung nicht lange. Ein solcher Traum war der Beruf des Lokführers, zu dessen Ausbildung er nach Basel zurückkehrte. Doch dieser Plan endete in voller Fahrt auf dem Prellbock.

Nach der «hervorragend bestandenen Zwischenprüfung» zwangen gesundheitliche Probleme Fritz Rechsteiner zum Umdenken. Der gelernte Elektomechaniker reparierte Loks und arbeitete als Railbarsteward.

«Bei mir ging es nie gradlinig vorwärts», stellt Fritz Rechsteiner fest. Bitterkeit ist ihm fremd, Selbstmitleid ebenso. «Wenn eine Schiene blockiert war, habe ich auf eine andere gewechselt.» Dazu gehört zum Beispiel sein Flair für Jugendliche, das er im kirchlichen, wie im ausserkirchlichen Umfeld einsetzte. Rechsteiners Faszination für Theologie nahm im Lauf der Jahre unterschiedliche Formen an. Der Reformierte konvertierte zum Katholizismus und später wieder zurück.

Mit der breiten Lebenserfahrung im Gepäck kehrte Fritz Rechsteiner vor zwei Jahren ins Bahnhöfli zurück - und machte eine Entdeckung: In Rüti führen alle seine Lebensschienen zusammen. Er malt im Bahnhöfli, wenn auch noch nicht so viel wie er gern möchte, engagiert sich im Dampfbahnverein Bern, der die Strecke vor dem Haus gepachtet hat, hilft beim Konfirmandenunterricht in Rüti und verdient den Lebensunterhalt im Fachmarkt für Künstlerbedarf Boesner in Aarberg.

Die Schweiz soll Rüti besuchen

Nun will der Lebenskünstler dem Bahnhöfli etwas zurückgeben. Zu dessen 100. Geburtstag möchte Fritz Rechsteiner 2011 ein Freilichtspiel auf die Beine stellen. Dabei denkt er an Dürrenmatts Klassiker «Der Besuch der alten Dame». «Sie würde mit der Dampfbahn anreisen und allenfalls, im Sinn einer Zeitreise, mit einer Diesellok wieder gehen», denkt er laut.

Technisch ist das alles machbar, beliefern doch Dieselzüge die benachbarte Firma Thommen. Organisatorisch und finanziell bewegt sich die Idee noch auf der Stufe «Vision». Geht es nach Rechsteiner, wird mit der grossen Kelle angerichtet: Tickets würden schweizweit als Rail-Kombipakete an den Bahnhöfen verkauft.

Profischauspieler und Laiendarsteller sollen Hand in Hand arbeiten. Bei Letzteren denkt er gleich ans ganze Dorf. «Die Sache muss Qualität haben, damit die Leute von weit her kommen. Aber das Freilufttheater soll ein Fest für Rüti sein und nicht für mich privat.» Seinen Beitrag sieht «Bahnhöfli-Fritz», wie er im Dorf heisst, in der Zusammenstellung einer Bahnhofchronik von Rüti.

Eines hat ihn sein abwechslungsreiches Leben gelehrt. Seine grossen Gedanken müssen von Machern angepackt werden, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. «Jetzt geht es darum, ein Organisationskomitee zusammenzustellen, und dann müssen wir Sponsoren suchen.» Es wartet ein Berg Arbeit, damit die alte Dame dann auch wirklich kommt.