Die verlorene Angst der Vielen

Die Reformierte und die Katholische Kirche berichten in einer Broschüre von «Ängsten, die wir nicht mehr haben». Sie ist auch ein Beitrag zur Minarett-Diskussion.

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Solothurner Zeitung

Johannes Reichen

Die Marienkirche im Berner Breitenrain-Quartier wurde vor 80 Jahren gebaut, eine römisch-katholische Kirche im protestantischen Bern. Die «Berner Tagwacht» schrieb am 4. Januar 1930: «Auffallend ist, dass diese Kirche, welche sehr grosse Dimensionen aufweist, namentlich in Bezug auf die Höhe, direkt an den Strassenrand gerückt wird.» Auch störte die Nähe zur reformierten Johanneskirche. «Gegenseitige Störungen», schrieb die Zeitung, seien «unvermeidlich».

Das kann man nachlesen in einer neuen Broschüre, die die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und die Römisch-katholische Fachstelle «Kirche im Dialog» nun herausgeben. Es gibt weitere Beispiele, wie Konfessionen und religiöse Gruppen um ihre Daseinsberechtigung kämpfen mussten, und wie die Minderheiten den Mehrheiten gegenübertraten.

Die Parallele zwischen der Baugeschichte der Marienkirche und der aktuellen Diskussion rund um die Initiative, die den Bau von Minaretten verbieten will, ist natürlich unverkennbar. Kein Zufall sei es darum, dass sie gerade jetzt erscheine, sagt Sabine Jaggi von der Berner Fachstelle Migration der Reformierten. Vor wenigen Wochen hatten die drei Landeskirchen und die Jüdischen Gemeinden des Kantons Bern deutlich gegen die Initiative Stellung genommen. Hinzu kommt, dass gerade die «Woche der Religionen» zelebriert wird.

Dem Verfasser der Broschüre «Ängste, die wir nicht mehr haben», Benz H.R. Schär, ist bei der Arbeit «aufgefallen, dass es immer die Mehrheit ist, die Angst vor der Minderheit hat. Dabei hätten doch die Minderheiten Grund gehabt.» Das war bei den Katholiken so, und auch bei der Heilsarmee.

Aufruhr gegen Heilsarmee

Gegen des 19. Jahrhunderts fanden die Salutisten von England über Frankreich den Weg in die Schweiz und waren hier alles andere als willkommen. «Besonders in der Westschweiz und im Kirchengebiet Bern-Jura-Solothurn», so stehts in der Broschüre, «führten die Auftritte der Heilsarmee zu Aufruhr und Tätlichkeiten.» Beschimpfungen und Misshandlungen mussten die Mitglieder erdulden, die Polizei musste eingreifen, das Bundesgericht wurde angerufen.

Die Berner Regierung unterband 1884 dann «die marktschreierische Form der Ankündigungen und publizistischen Propaganda» und «das Andauern lärmender Versammlungen in die späte Nacht hinein». Ein paar Jahre später sorgte der Bundesrat für eine Beruhigung in dieser Sache.

Katholiken im Ghetto

Das Ziel der Broschüre sei es, mit einem Schmunzeln auf vergangene Schwierigkeiten im religiösen Zusammenleben zurückzublicken, «und nicht mit Moralin». Sie könne eben auch zur Diskriminierung führen. «Mit der Abschaffung des Jesuitenartikels in der Bundesverfassung», sagt der katholische Theologe Karl Graf, «dachte man, dass dies endgültig vorbei sei.» Bis 1973 war die katholische Ordensgemeinschaft in der Schweiz verboten. Nun aber passiere mit der Minarett-Initiative das Gleiche.

Auch die Katholiken hätten in Bern der «Angst vor Vermischung» gegenübergestanden. Im reformierten Bern hätten sie anfänglich in einem Ghetto gelebt. So aber habe sich eine eigene Identität entwickelt, sichtbar gemacht durch den Bau von Kirchen. «So wurde eine Begegnung auf Augenhöhe vorbereitet», und die habe die Integration möglich gemacht. Dies lehre, wie man auch den Integrationsweg von Muslimen und Hindus besser verstehen könne.

Veränderliche Angst

Angst lasse sich nicht wegdiskutieren, sie sei aber veränderlich, sagt der reformierte Theologe Schär. Allmählich verschwinde sie, bis sie nur noch ein Lächeln auslöse. In der Broschüre berichtet ein Berner Katholik mit Jahrgang 1938, wie katholische Kinder zu hören bekamen: «Katholike - Galgestricke». Damals, berichtet er, «hatten alle einfach Angst, wir würden zu zahlreich und zu mächtig».

Heute gilt das für die Muslime. Katholiken dagegen fürchtet keiner mehr und die Heilsarmee auch nicht. Sie wird geschätzt für die sozialen Aufgaben, die sie übernimmt - oder ein bisschen belächelt.

Broschüre erhältlich bei: Reformierte Kirche Bern-Jura-Solothurn, Fachstelle Migration, Speichergasse 29, 3011 Bern, www.refbejuso.ch/migration. Röm.-kath. Fachstelle Kirche im Dialog, Mittelstrasse 6a, 3012 Bern, www.kathbern.ch/kid.