Ursula Burgherr

Max Ivan Dohner ist 26, autistisch veranlagt und mit einer besonderen Gabe ausgestattet: Er kann sich an fast jeden Traum erinnern, den er seit seinem vierten Lebensjahr hatte. Aus seinen Notizen und Zeichnungen entstand das «Traumbuch», ein fantasievoller und berührender Lese- und Bildband.

Der Alltag stellt Dohner oft vor gehörige Herausforderungen. Was für die meisten selbstverständlich scheint, bewältigt er als Autist nicht einfach mit links. Und vieles, was für andere unmöglich ist, gehört für ihn zur Selbstverständlichkeit.

Zum Beispiel, sich seit frühester Kindheit und bis ins kleinste Detail an jeden Traum zu erinnern. Rund 800 Geschichten, die er im Schlaf erlebt hat, könnte er vom Fleck weg erzählen. Weil er mit Mutter Aleyda oft über seine nächtlichen Erlebnisse sprach, schenkte diese ihm ein Tagebuch, um sie aufzuschreiben.

So begann Dohner in feiner Handschrift Seite um Seite zu füllen mit Reisen durch seine Fantasiewelten, in denen er Film-Idole trifft, Tieren und Märchengestalten begegnet, sich auf Exkursionen durch ferne Länder begibt oder ganz einfach eine Arbeitswoche in der Arwo-Werkstatt Limmatrain verarbeitet, wo er zu 50% in der Abteilung Montage beschäftigt ist.

Träume sind grenzenlos

«Ich bin ein guter ‹Gedächtnisser› und möchte meine Fähigkeit den Leuten zeigen», sagt Max Ivan Dohner zu seinem «Traumbuch», das dem Florcomm-Verlag Zürich nicht nur wegen dessen erstaunlicher Erinnerungsgabe eine Veröffentlichung wert war.

Sondern vor allem aufgrund der unverblümten und nicht auf Wirkung bedachten Direktheit des Autors, die mitten ins Herz trifft. Sowohl mit Schilderungen als auch Malereien, die Dohner zusammen mit Herausgeber David Rudatis zu den für das Buch ausgewählten Sequenzen gestaltete.

Haben sich die Träume, an die sich Max Ivan alle erinnern kann, verändert zwischen Kind- und Erwachsensein? «Nein. Man wird zwar älter, aber die Traumwelt bleibt immer gleich.» Macht es ihn nervös, ständig Hunderte von Erinnerungen gleichzeitig im Kopf zu haben? «Kein Problem», meint er und beschreibt sich wie ein Buch mit vielen Seiten, auf denen man nach Wunsch eine aufklappt.

In welcher Sprache träumt der in Nicaragua geborene und zweisprachig aufgewachsene Jungschriftsteller? «Je nachdem. Was die Familie anbetrifft, in Spanisch. Von Filmen und meiner Arbeit her in Deutsch.» Ist er nervös, am 15. Mai 2010 aus seinem «Traumbuch» im «Roten Turm» in Baden vor grosser Öffentlichkeit vorzulesen? «Beim Üben war ichs. Jetzt gar nicht mehr! Ich hoffe, das bleibt so!»

Vernissage am Samstag, 15. Mai, 14.30 bis 17 Uhr im «Roten Turm», Rathausgasse 5 in Baden
www.traumbuch.ch