Biaggi

Die Toten gehören wieder zur Familie

Ein Bett für den Ewigen Schlaf  Heidi und Ricco Biaggi kleiden in ihrer Werkstatt in Gipf-Oberfrick einen Sarg mit Baumwollstoff aus. (nem)

Biaggi AG

Ein Bett für den Ewigen Schlaf Heidi und Ricco Biaggi kleiden in ihrer Werkstatt in Gipf-Oberfrick einen Sarg mit Baumwollstoff aus. (nem)

Ricco Biaggi ist mit Märchen über böse Totengeister aufgewachsen. Trotzdem hat er vor 20 Jahren einen Bestattungsdienst in Gipf-Oberfrick mitbegründet. Heute hilft er Menschen, Ängste im Umgang mit Toten abzubauen.

Nicole Emmenegger

Manchmal sind es Lachtränen, die am Sarg fliessen: Eine Familie möchte den toten Grossvater für das Begräbnis ankleiden und bemerkt dabei, dass dieser kein einziges Paar Socken ohne Löcher im Schrank hat. Die Kinder erzählen, wie der alte Mann sich die Socken immer mithilfe eines selbst gebastelten Drahthakens über die Füsse streifte - und die Socken dabei ruinierte. Man lacht, endlich, nach all den Kummertränen. Und die anwesende Bestatterin diskutiert mit der Familie, ob man diesen kuriosen Drahthaken nicht zum Verstorbenen in den Sarg legen könnte.

Können Angehörige auf eine derart persönliche Weise Abschied nehmen, hat Bestatter Ricco Biaggi (60) seine Mission erfüllt. «Wenn Menschen beginnen, Geschichten über die Verstorbenen zu erzählen, beginnt der Trauerprozess», sagt er. Seit zwanzig Jahren führt der ehemalige Lehrer in Gipf-Oberfrick den einzigen Bestattungsdienst im oberen Fricktal (siehe Infobox). «Wir möchten die Toten den Angehörigen zurückgeben», erklärt seine Ehefrau Heidi Biaggi die Philosophie des Unternehmens, während die beiden in der Werkstatt ihres Hauses einen Sarg mit schlichtem Baumwolltuch auskleiden.

Die Toten wurden zu Fremden

Dieser Leitspruch irritiert: Wer hat den Angehörigen die Toten weggenommen? «Ein veränderter Zeitgeist», sagt Heidi Biaggi. In alten Zeiten habe man die Toten vor der Bestattung zu Hause aufgebahrt. Familie und Freunde konnten sie betrachten, zu ihnen sprechen, ihnen «Adieu» sagen.

Dann sei die Zeit der gesellschaftlichen Spezialisierung gekommen: Das Sterben und somit auch die Toten wurden aus der Familie ausgelagert. Das Krankenhaus, der Dorfschreiner, das Bauamt oder der Gemeindeschreiber sorgten nun dafür, dass die Verstorbenen eingesargt und zur Bestattung transportiert wurden. Dadurch seien die Toten für die Angehörigen zu Fremden geworden, sagt Heidi Biaggi. Und was fremd ist, das empfindet man als unheimlich. Die verstorbene Grossmutter anzufassen, ihr über die Wangen zu streichen, das war nun tabu. Geschürt wurden die Ängste durch Schauermärchen: «Man sprach von einem Leichengift, das von den Toten abgesondert werde», erzählt Ricco Biaggi.

Auch die Spezialisten hätten die Verstorbenen damals so wenig wie möglich berührt: Eilig betteten sie die Körper in einen Sarg, der mit Sägespänen ausgelegt war. Dann zogen sie ihnen das uniforme Totenhemd über und schlossen den Sarg. Der Zeitplan der Spitäler oder der Behörden waren vielerorts wichtiger als der Prozess des Abschiednehmens. Wenn die Pathologie-Abteilung im Krankenhaus übers Wochenende geschlossen hatte, seien die Toten oft dort geblieben, erinnert sich Ricco Biaggi. Die Angehörigen mussten warten.

Ein Erlebnis prägte Ricco Biaggi nachhaltig: Nachdem er 1970 als junger Lehrer ins Fricktal gezogen war, verstarb ein Arbeitskollege eines Nachts in seinem Bett. Als Biaggi dessen Ehefrau Stunden später anrief, um sich nach ihrem Befinden zu erkunden, sagte sie: «Er liegt immer noch im Bett.» Niemand sei gekommen und habe den Toten abgeholt. Erst am Abend habe der Dorfschreiner mit dem Einsarger, welcher tagsüber auswärts arbeitete, Zeit gefunden, den Leichnam in den Sarg zu legen. «Sägespäne im Haar, Mund und Augen offen, und die Zahnprothese hing schief aus dem Mund des Toten», erzählt Ricco Biaggi. «Das kann es doch nicht sein», habe er sich gesagt.

«Abgehärtet ist man nie»

Das Thema liess ihn nicht mehr los und so beschloss er im Jahr 1989, gemeinsam mit Alois Arnold in Gipf-Oberfrick den ersten Bestattungsdienst im oberen Fricktal zu gründen. Dieser Dienst sollte schnell sein und allzeit bereit wie die Feuerwehr. «Wenn es bei den trauernden Angehörigen brennt, dann muss man sofort löschen gehen, auch am Wochenende», so Ricco Biaggi. Kaum hat er das gesagt, klingelt bereits wieder das Telefon in der Küche - ein neuer Auftrag.

Ricco Biaggi ist der Feuerwehrmann unter den Bestattern. Ansonsten arbeitete er in den ersten Jahren als Bestatter ähnlich wie seine Kollegen, nämlich mit grosser Distanz zu den Toten. Diese Distanz hatte bei Ricco Biaggi einen zusätzlichen Hintergrund: Der gebürtige Walliser war als Kind mit Gruselgeschichten über tote Seelen aufgewachsen, die nachts herumgeistern. Er habe «hüara Angscht» vor den Toten gehabt, erzählt er. Auch als er bereits Bestatter im Fricktal war, brauchte er über ein Jahr lang, bis er sich nachts allein in die Pathologie-Abteilung des Spitals Laufenburg wagte. «Das Herz schlug mir bis zum Hals.»

Und jetzt, nach 20 Jahren beim Bestattungsdienst? «Abgehärtet ist man nie», sagt Biaggi. Aber die irrationale Angst vor den Toten, die sei mit der Zeit verschwunden. «Ich habe keine Mühe mehr damit, einen Leichnam auf meinen Armen zu tragen», sagt er. Die Toten sind zu Vertrauten geworden.

Dass der Bestatter seine Berührungsängste abgelegt hat, macht es ihm heute möglich, auch die Ängste der Trauernden abzubauen. Er macht ihnen Mut, sich handwerklich an den Ritualen zwischen Tod und Bestattung zu beteiligen: Enkelkinder bemalen den Sargdeckel für ihren verstorbenen Grossvater, Dienstkameraden stossen auf den Verstorbenen an, weil man früher gemeinsam gerne ein Gläschen Weisswein getrunken hat, und Handörgeler spielen ihrem Kameraden am Sarg das letzte Ständchen.

Mit Lieblingskleid in den Sarg

Ricco Biaggi mag solche spontanen Szenen, wenn die Menschen aktiv die Abschiedsrituale gestalten und sich nicht einfach von starren Traditionen leiten lassen. Zu oft hat er erlebt, wie fehlende oder unpassende Abschiede seelische Wunden bei den Angehörigen hinterlassen haben. Deshalb gefällt es ihm auch, wenn Familien mit ihren speziellen Wünschen sogar die Behörden herausfordern, die heute wesentlich offener und flexibler seien als früher, wie er sagt. Besonders gefreut hat ihn, als im letzten Jahr in Frick erstmals ein Muslim ohne Sarg im traditionellen Grabtuch auf dem Friedhof beerdigt werden durfte.

Die Bereitschaft und der Mut der Angehörigen, ihre Wünsche zu äussern, seien gestiegen, sagt Ricco Biaggi. Seit die esoterische Welle die Schweiz in den 90er-Jahren erfasst habe, würden viele Menschen das Thema Tod nicht mehr verdrängen. Einige würden heute sogar ihre eigene Bestattung bis ins kleinste Detail planen - bis hin zum Lieblingskleid mit den blauen Tupfen, das man im Sarg tragen möchte.

Trotzdem: Mut machen muss Biaggi den Angehörigen auch heute noch, denn der Tod zeigt sich manchmal von seiner hässlichen Seite. Vor allem bei Mord- oder Unfallopfern, die entstellt sind, würden sich die Hinterbliebenen oft scheuen, sich die Toten noch einmal anzusehen. Er höre dann oft den Satz: «Ich will ihn so in Erinnerung behalten, wie er früher war.»

Wundversorgung für die Seele

Dennoch motiviere er auch solche Angehörige, den Verstorbenen anzuschauen, sich zu verabschieden, ihn vielleicht sogar anzufassen. «Die Bilder, welche die Fantasie erzeugt, sind immer schlimmer als die Realität», sagt der Bestatter. Er bemüht sich, auch verstümmelte Körper so zu waschen, zusammenzu- nähen oder zu bandagieren, dass ihr Anblick erträglich, ja sogar tröstlich ist - weil auch die schwersten Körperverletzungen nach der Wundversorgung und Pflege nicht so schlimm aussehen, wie man sie sich vielleicht vorgestellt hat.

«Noch kein einziger Angehöriger hat bisher gesagt: ‹Hätte ich mir das doch besser nicht angesehen›», erzählt Biaggi. Und: «Das Pflegen solcher Verstorbenen tut auch mir als Bestatter gut.» Die Bilder vom Unfall- oder Tatort würden dadurch verblassen.

Ricco Biaggi und seine Familie verstehen sich als eine Art flexible Wegweiser. Sie zeigen den Trauernden auf, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen, wieder einen Draht zum Verstorbenen zu finden. Zugleich möchten sie, dass die Trauernden selbst Wege finden, die zu diesem Ziel führen. Nur in seltenen Fällen schlägt der Bestatter seinen Kunden einen Wunsch aus. Etwa dann, wenn jemand die Asche eines Toten in den Wind streuen möchte und die Asche dadurch über Wiesen oder Gärten verteilt würde. «Das finde ich pietätlos gegenüber der Umwelt und den Mitmenschen», sagt Ricco Biaggi. So viel Distanz zum Tod darf auch ein Bestatter einfordern.

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