Die Stammtafel rettete sein Leben

Im 19. Jahrhundert wanderte ein Teil der Familie Davatz wegen Hungersnot vom Bündnerland nach Russland aus. Vadim Davatz erhielt 1946, nach schrecklichen Flüchtlingsjahren, das Schweizer Bürgerrecht – dank der vorhandenen Stammtafel. Jetzt erzählt der Messner seine Geschichte in einem Buch.

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Die Stammtafel rettete sein Leben

Die Stammtafel rettete sein Leben

Solothurner Zeitung

Agnes Portmann-Leupi

Vadim Davatz bewohnt seit seiner Pensionierung vor 15 Jahren mit seiner Ehefrau Lydia ein Einfamilienhaus in Messen. Nebenan lebt einer seiner beiden Söhne. Die Grosskinder Selina und Lukas sind oft im Hause der Grosseltern anzutreffen.

Bucheggberger Idylle pur – könnte man meinen. Doch, die Jugendjahre verliefen für Vadim Davatz unvorstellbar fürchterlich. «Was in der Sowjetunion passiert ist, wissen eigentlich die wenigsten», sagt er, der 1930 in Charkow in der damaligen UdSSR, heute Ukraine, geboren wurde.

Fürchterlicher Hunger im Krieg

Darum habe er über seine Erlebnisse und die Geschehnisse ein Buch geschrieben. An seinem 80. Geburtstag Ende Mai hat er sein Werk an Familie und Freunde verteilt. Auf dem Umschlag, auf dem er zusammen mit seinem Grossvater mütterlicherseits als Vierjähriger posiert, war die Welt des Buben noch in Ordnung. «Das Buch hat mich viele Tränen gekostet. Ich habe alles innerlich nochmals durchlebt», sagt er, und man spürt, dass ihm das Zurückdenken schwer fällt.

Vadim Davatz erzählt, dass 1928 die freie Marktwirtschaft aufgehoben wurde und eine zwangsweise Kollektivierung stattfand. «Die Bauern als wichtigste Exponenten des Kapitalismus besassen ab sofort nichts mehr», sagt er. Zehn bis zwölf Millionen Sowjetbürger seien als Folge der planwirtschaftlichen Regelung verhungert sowie deportiert worden. Vadim Davatz musste erleben, wie sein Grossvater mütterlicherseits – ein geachteter Hochschulingenieur – 1938 verhaftet und danach erschossen wurde. Dies als Folge der «Säuberungsaktionen» der Stalin-Diktatur. «Alle persönlichen Sachen wurden beschlagnahmt», erzählt er, und dieser Umstand schmerzt ihn sichtlich noch heute.

An den fürchterlichen Hunger während des Zweiten Weltkrieges erinnert er sich selber. «Wir assen geröstete Eicheln, ich schmecke sie noch heute auf der Zunge.» Brennnesseln seien noch das Beste gewesen. Als Zwölfjähriger verlor er auch seinen Grossvater väterlicherseits – er starb am Hungertod. «Charkow war von 1941 bis 1943 fest in der Hand der Deutschen. Sie kamen wie eine Dampfwalze», so der 80-Jährige.

Stammtafel brachte Erlösung

Nur gerade drei Jahre habe er die Volksschule besuchen können. Nach Ausbruch des Krieges habe er mehr Zeit im Luftschutzkeller verbracht als im Schulzimmer. Da erinnerte sich die Familie Davatz an ihre Schweizer Stammtafel – ihr Stammbaum reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück – und zeigte diese den Deutschen. Dank dem darauf enthaltenen deutschen Text erlaubten sie den Davatzs, nach Westen zu flüchten.

Ab 1943 begann eine beschwerliche, dreijährige Flucht durch Polen, Deutschland und schliesslich ins Elsass. Dorf fand er als 15-Jähriger zusammen mit seinem Vater Arbeit, zuerst bei Bauern und dann in einer Textilfabrik. Die Stammtafel brachte nochmals eine bedeutende Wende. Die Familie befolgte nämlich den Rat eines Freundes, damit das Schweizer Bürgerrecht zu erbitten. Bereits drei Monate später lagen die Pässe vor, und die Familie nahm 1946 Wohnsitz in der Region Bern.

Erfolgreich im Berufsleben

Von da an meinte es das Leben besser mit dem jungen, strebsamen Mann. Er belegte Kurse an einer Handelsschule. Ein halbes Jahr später trat er die Lehrstelle als Feinmechaniker an, nicht ohne vorher im selben Betrieb als Handlanger gearbeitet zu haben – für 30 Rappen pro Stunde.

«Meine Lebensgeschichte»

Das Buch «Meine Lebensgeschichte» aus dem Rothus Verlag kann direkt bei Vadim Davatz in Messen bestellt werden, Telefon 031 765 58 88.

Es folgte das Studium an der HTL. Im letzten Studienjahr lernte er seine Frau Lydia im Russlandschweizer-Club in Bern kennen. Sie war staatenlos, jedoch russischer Abstammung. Sogar das Klavierspiel lernte Vadim Davatz, und klassische Musik wurde zu seiner Leidenschaft. Äusserst erfolgreich verliefen seine 37 Arbeitsjahre als Lehrlingsausbildner, nebenamtlicher Lehrer an der Gewerbeschule Basel-Stadt und als Experte bei Lehrabschlussprüfungen.

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