«Die Stadt Bern wächst im Westen»

Im neuen Rundgang des Vereins StattLand erhalten die Gäste Einblicke in den Westen Berns. Dabei wird die Frage aufgeworfen, wie wild Bümpliz und Bethlehem wirklich sind.

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Solothurner Zeitung

Katharina Schwab

Der neueste Rundgang des Vereins StattLand führt durch Bümpliz und Bethlehem. Ein Stadtteil, in welchem heute ein Viertel der Stadtberner Bevölkerung lebt. Erste Station ist beim Statthalterstöckli. Schriftsteller Carl Albert Loosli, auch «der Philosoph von Bümpliz genannt», hat hier gelebt und gearbeitet, wird den Rundgängern verkündet. Am vergangenen 22. Mai war übrigens sein 50. Todestag (wir berichteten). Der Humanist und Anprangerer des Wohlfahrtstaats erscheint plötzlich selbst auf dem Balkon und ärgert sich in einer Rede über die geringe Stimmbeteiligung von 60 Prozent. «Was er wohl von der heutigen Stimmbeteiligung halten würde?», fragt der Rundgangführer Stefan Christen in die Runde. Man will es sich gar nicht vorstellen.

Urchiges Bümpliz

«Bern wildwest - von urchig zu urban» heisst der Rundgang mit vollem Titel. Die urchige Seite Bümpliz' ist unter anderem das Bienzgut - ein altes Bauernhaus, das mitten im Stadtteil steht. Heute ist es ein Begegnungszentrum und beherbergt eine Filiale der städtischen Kornhausbibliothek. Das Bienzgut stammt noch aus der Zeit, als Bümpliz ein Bauerndorf war. Dieses wurde jedoch von der Industrialisierung überrascht; die vielen Zugezogenen zahlten damals noch an ihrem Arbeitsplatz, der Stadt Bern, ihre Steuern. Knapp vor dem Konkurs fand schliesslich vor rund hundert Jahren die Eingemeindung in die Stadt Bern statt. Das Bienzgut jedoch ist geblieben.

Einzeln oder als Gruppe

Der Verein StattLand will mit seinem neuesten Rundgang den Stadtteil 6 einem grösseren Publikum näher bringen. Das gelingt. Unbekanntes, Wissenswertes und Erstaunliches kommt in den 90 Minuten unterhaltsam zum Vorschein. Aber die Frage bleibt: Was ist an Bümpliz und Betlehem wild? «Dieser Stadtteil ist mit lauter Vorurteilen behaftet, die ziemlich wild sind. Der Titel ist deswegen nicht ganz frei von Ironie», klärt die Projektleiterin Renate Schär auf. Und wirklich: Der vielgebrauchte Begriff «Ghetto» mag so gar nicht zu dem Bümpliz passen, das der Zuschauer in den eineinhalb Stunden durchwandert hat. StattLand bietet ganzjährig die verschiedensten Rundgänge an, oft mit Schauspiel untermalt. Sie können sowohl von Einzelpersonen besucht, als auch von Gruppen gebucht werden. (kas)

Infos: www.stattland.ch

Forellen und Königin Bertha

Auch das alte und das neue Schloss zählen zum alten und urchigen Bümpliz. In den schönen Schlossgärten wird den Zuschauern ein Stück Geschichte lebhaft und anschaulich vermittelt. Wie beispielsweise, dass die Forellenzucht um das alte Schloss der sagenumwobenen Königin Bertha zu verdanken sei. Oder dass das neue Schloss eine bewegte Geschichte hat: Vom Herrschaftssitz zur Anstalt für Geisteskranke, vom Knabenerziehungsinstitut bis zum heutigen Zivilstandsamt. Am «8. 8. 2008» haben dort beispielsweise 15 Trauungen stattgefunden.

Nur einige Schritte entfernt von den hübschen kleinen Einfamilienhäusern mit Rasen und blühenden Bäumen drum herum gelangt man zum Fellergut. In diesen Hochhäusern stehen um die 800 Wohnungen - ein abrupter Szenenwechsel. Weiter geht es zum Bahnhof Bümpliz Nord, der 1901 erbaut wurde und Bern mit dem Westen der Schweiz verbindet. «Mit ihm hat die Verstädterung begonnen», erklärt Rundgangleiter Christen. Plötzlich wurde Bümpliz als Industriestandort interessant; Firmen verlagerten ihre Produktion ins Dorf. Auch heute noch wird beispielsweise jede einzelne Toblerone, egal wo diese in der Welt später gegessen wird, in Bümpliz hergestellt.

Das Tscharnergut in Bethlehem ist die letzte Station des Rundgangs. Viele Vorurteile haften an diesem Quartier, die auch der Verein Stattland zum Thema macht: graue Betonblöcke, viele Ausländer und hohe Kriminalität. «Dass das Tscharni verkehrsfrei ist, viel Grünfläche und super ÖV-Verbindungen hat, geht dabei gerne vergessen», sagt Christen. Mit Geschäften, Schulen, einem Tierpark und Dorfplatz gleicht das Tscharnergut als Gesamtüberbauung einem eigenständigen Dorf. Es feiert aktuell das 50-Jahre-Jubiläum.

Ebenfalls zum Stadtteil sechs gehört Bern-Brünnen mit dem neuen Einkaufs- und Freizeitzentrum Westside. Die städtische Entwicklung wird dort weitergeführt und das Alte und Neue verwebt sich zu etwas Neuem. Stefan Christen drückt es mit folgenden Worten aus: «Bern wächst im Westen.»

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