Heiri Stäger

Die Sprache kennt auch eine Globalisierung

Einer der letzten verfechter von «Schütti» und «Gulage» Heini Stäger ist die Freiämter Sprache wichtig wie schon seinem Vater Robert, dessen Buch vor ihm auf dem Tisch liegt. (Andrea Weibel)

Heiri Stäger

Einer der letzten verfechter von «Schütti» und «Gulage» Heini Stäger ist die Freiämter Sprache wichtig wie schon seinem Vater Robert, dessen Buch vor ihm auf dem Tisch liegt. (Andrea Weibel)

Robert Stäger war wohl der bekannteste Freiämter Mundartdichter. Auch sein Sohn Heini kennt sich mit dem Freiämterdeutsch bestens aus.

Andrea Weibel

Heini Stäger lacht, als er den Testsatz der AZ Freiamt zu den alten Wörtern  (siehe heutige Ausgabe, S. 37) zu hören bekommt. «Das ist einfach», erklärt er, «mit Steigömperli spiele ich zwar in meinem Alter nicht mehr, und Schasse haben wir auch keine mehr an den Fenstern, aber die Wörter sind mir natürlich alle noch geläufig, so haben wir früher auch geredet.» Der pensionierte Bezirksschullehrer freut sich über das Thema und bringt sofort eigene alte Wörter ins Gespräch mit ein, zum Beispiel «Schütti», also Estrich. Zum Beweis, dass es sich dabei wirklich um Freiämter Wörter handelt, schlägt er das Buch seines Vaters Robert Stäger, «D Famili Tschätter, Gedichte in Freiämter Mundart», auf. Die beiden Söhne Roberts, Heinrich und Lorenz Stäger, haben dem Band ein Glossar angefügt. Darin «übersetzen» sie die Worte, die in den Gedichten vorkommen, die aber heute nicht mehr geläufig sind.

Sprache wird zum Einheitsbrei

«Den reinen örtlichen Dialekt gibt es kaum mehr», weiss Heini Stäger. Der verschwinde immer mehr, besonders bei den jungen Leuten. Stägers Erklärung: «Wenn die Eltern schon nicht mehr so sprechen, wie es in der Region üblich ist, können es auch die Kinder nicht lernen.» Die Eltern seien oft aus anderen Orten, Kantonen oder gar anderen Ländern ins Freiamt gezogen, sodass sich all ihre verschiedenen Dialekte und Akzente langsam zu einem Einheitsbrei vermischten. «Man merkt es immer wieder, die Sprache wird enger und ist nicht mehr so vielfältig, reichhaltig und differenziert», beschreibt er. Ein weiterer Grund dafür sei auch die Vereinfachung und die Schmälerung des Wortschatzes, die besonders für Leute mit Migrationshintergrund hilfreich seien. «Es ist eine Globalisierung der Sprache.»

Dass die alten Wörter langsam aussterben, hat Heini Stäger vor allem bei seinen eigenen Kindern gemerkt. «In ihrer Schulzeit haben sie oft gesagt, sie wollten beispielsweise nicht mehr ‹Schütti›, sondern Estrich sagen, denn sie wären noch die Einzigen in ihrer Klasse, die das alte Wort gebrauchten», erinnert er sich. Dagegen könne man nicht viel machen, das sei einfach so, resigniert er.

Konservativ und patriotisch

Heini Stäger ist stolz darauf, dass ihm nachgesagt wird, er habe noch einen richtigen Freiämterdialekt. «Aber wenn ich mit anderen Leuten rede, dann passe auch ich mich an. Dabei dürfen wir ruhig stolz sein auf unsere Sprache», findet er. Das sei dieselbe Problematik wie beim Hochdeutschen. «Warum versuchen die Schweizer im Radio oder im Fernsehen immer, Bühnendeutsch zu sprechen? Wir dürfen doch zeigen, dass wir aus der Schweiz kommen.» Nach aussen sollten sich die Schweizer also sprachlich nicht zu sehr anpassen, und im Inneren sollten sie Sorge zu ihren Dialekten tragen. Das sei eine konservative, patriotische Einstellung gegenüber der Sprache, aber wenn die alten Wörter erst einmal weg seien, dann könne man sie nicht mehr zurückholen.

Ein Dorf, eine Sprache

«Früher konnte man anhand des Dialekts erkennen, aus welchem Dorf die Leute gekommen sind», erinnert sich Stäger. Die Wohler und die Villmerger seien sehr gut auseinanderzuhalten gewesen. «Wir in Wohlen sagten beispielsweise ‹Schue alegge›, während die Villmerger von ‹Schue'n'alegge› redeten», weiss er noch. Auch hierfür hat er eine Erklärung: «Früher blieben die Leute, wo sie waren, darum hat sich auch ihre Sprache nicht verändert. Heute reisen sie herum, wohnen einmal hier und einmal dort, sodass die unterschiedlichen Dialekte immer mehr verloren gehen.»

«SMS sind eine Katastrophe»

Ganz schlimm sei für ihn die Mundart, die beispielsweise per SMS geschrieben werde. «Natürlich gibt es keine Regeln in der schweizerdeutschen Schriftsprache, aber was heute alles geschrieben wird, ist also eine Katastrophe», sagt der Pensionär. Er habe lange gebraucht, um beispielsweise die AZ-SMS lesen zu können. «Für mich ist das keine Sprache mehr.» Doch sei das wohl oder übel die Zukunft der Sprache, denn die Dialekte könne man leider nicht schützen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1