Lehrermangel

«Die Situation ist dramatisch»

5439 Unterschriften: Die ALV-Spitze mit (von links) Niklaus Stöckli, Kathrin Nadler und Manfred Dubach übergibt die Bögen an Staatsschreiber Peter Grünenfelder (Zweiter von links).

«Die Situation ist dramatisch»

5439 Unterschriften: Die ALV-Spitze mit (von links) Niklaus Stöckli, Kathrin Nadler und Manfred Dubach übergibt die Bögen an Staatsschreiber Peter Grünenfelder (Zweiter von links).

Mit seiner Initiative will der Lehrerinnen- und Lehrerverband (ALV) Regierung und Parlament zwingen, ihre Verantwortung bei der Beschaffung von genügend und genügend qualifizierten Lehrkräften wahrzunehmen.

Hans Fahrländer

Innert nur zweier Monate sammelte der ALV 5439 gültige Unterschriften. Die Volksinitiative verlangt, dass dem Artikel 2 des Gesetzes über die Anstellung von Lehrpersonen ein neuer Absatz mit drei Punkten angefügt wird:

1. Die Verantwortung, dass alle Stellen mit fach- und stufenspezifisch ausgebildeten Lehrpersonen besetzt werden, liegt beim Kanton.

2. Die Anstellungsbedingungen sind entsprechend festzulegen.

3. Die Regierung legt dem Grossen Rat jährlich einen Bericht zur Stellensituation vor und leitet unverzüglich allenfalls nötige Massnahmen ein.

Es geht vor allem um die Kinder

An der Medienkonferenz nach der Übergabe der Unterschriften (Artikel auf der Frontseite) zitierte der Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes (LCH), Beat W. Zemp, die nationale Rechtsgrundlage für das Volksbegehren. Sie steht im Artikel 62 der Bundesverfassung: «Für das Schulwesen sind die Kantone zuständig.» Es gehe nicht an, dass der Kanton seine Verantwortung an die Gemeinden abschiebe.

ALV-Präsident Niklaus Stöckli zitierte die kantonale Rechtsgrundlage. Im Artikel 28 der Kantonsverfassung heisst es: «Jedes Kind hat Anspruch auf eine seinen Fähigkeiten angemessene Bildung.» Stöckli: «Bildung ist mehr als Unterricht, nämlich das Resultat guten Unterrichts. Dieses Ziel ist gefährdet! Es geht uns mit der Initiative nicht primär um uns Lehrpersonen, sondern um die Kinder.»

Falsche Entwarnung

Radio DRS meldete vorgestern an erster Stelle der Morgennachrichten: «Doch kein Lehrermangel, fast alle Stellen besetzt!» «Die Frage ist doch, wie, es geht nicht, dass man irgendwen anstellt und dann sagt, das Problem sei gelöst!», ereiferte sich Stöckli. Rund ein Fünftel der Lehrpersonen verfügen heute nicht über eine ihrer Aufgabe adäquate Ausbildung. «Ich wünsche mir, dass mal ein Bildungsdirektor hinsteht und sagt: Wir hatten einen Bedarf von 500 Neubesetzungen, 250 davon sind Notlösungen.»

Weil konkrete Beispiele mehr aussagen als Statistiken, schilderte Stöckli zunächst eine dreijährige vergebliche Suche nach einem ausreichend qualifizierten Deutschlehrer an seiner Schule, der Bezirksschule Klingnau. Mit klarer Konsequenz: «Die Kenntnisse vieler Viertbezler in Deutsch entsprachen jenen von Erstbezlern. Und Turnen gibt ein Marokkaner, der kaum Deutsch kann. . .»

Es wird immer schlimmer

6 bis 7 Prozent des Lehrkörpers, das entspricht 500 Lehrpersonen, müssen an der Volksschule Aargau jährlich ersetzt werden. 2010 schliessen an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz (PH) 274 Studierende ab, 2011 voraussichtlich noch 176, 2012 128. Woher sollen die restlichen Lehrpersonen kommen? Stöcklis Fazit: «Wenn der Kanton nicht sofort weitgehende Massnahmen ergreift, wird sich die Situation katastrophal verschärfen.»

«Die Ursachen für diese Situation sind von den zuständigen Stellen noch nie seriös analysiert worden», monierte Stöckli.

Er selber ortet drei Gründe: Erstens sie der Berufsauftrag aus den Fugen geraten, die Pflichtstundenzahl zu hoch, die Zusatzaufgaben wachsen. Zweitens die Löhne: Sie seien vor allem für Einsteiger verglichen mit der Wirtschaft bei weitem nicht konkurrenzfähig. Und es fehle drittens in der Schule an Laufbahnmöglichkeiten.

Fakten sind seit Jahren bekannt

«Wenn ich in der ‹Weltwoche› lese, die Lehrer hätten die Bauern als grösste Jammeri im Land abgelöst, komme ich mir vor wie Thomas Bucheli, der dafür kritisiert wird, dass er schlechtes Wetter ankündigt», sagte bildhaft der höchste Schweizer Lehrer, Beat W. Zemp.

Er schilderte, wie die Lehrerverbände in der Schweiz und im gesamten deutschsprachigen Raum seit Jahren auf den drohenden Lehrermangel hingewiesen hätten, in Politik und Gesellschaft aber kaum auf Resonanz gestossen seien. Natürlich sei das Klagen über Löhne unbeliebt. Doch zwei Entwicklungen seien unbestritten:

1. Die ehemals guten Lehrerlöhne wurden, politisch bedingt, in den meisten Kantonen seit Jahren kaum angehoben. Real sind sie gesunken.

2. Das Studium der Lehrpersonen wurde auf Master-Stufe angehoben und dauert 5 Jahre. In diesem Konkurrenzumfeld verdient man in der Wirtschaft oder der freien Praxis viel mehr.

Fragezeichen zu Quereinsteigern

Der LCH sieht in den von den Kantonen ergriffenen Massnahmen – Zurückholung von Pensionierten, Erhöhung von Pensen, Suche im Ausland – zeitlich befristete Notlösungen. Zu den Quereinsteigern aus anderen Berufen, wie sie die Mittellandkantone vorsehen, meinte Zemp, die Ansprüche an die Ausbildung dürften nicht dauerhaft gesenkt werden. Ablehnend steht der LCH der Erhöhung der Schülerzahlen pro Klasse und dem Abbau von Lerninhalten gegenüber.

Ein wichtiger Beruf

«Extrem ätzend» sei es, sich mit schwierigen Kindern von heute zu beschäftigen, sagte, nach ihrer Studienwahl befragt, die Tochter von Annette Tettenborn. Die Bereichsleiterin an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz war die dritte Rednerin an der Medienkonferenz in Aarau. Sie betonte, der banale Satz, entscheidend für eine gute Schule seien gute Lehrpersonen, werde durch die Forschung voll bestätigt. Und auch sie warnte vor Absenkung der Ansprüche in der Lehrerbildung, denn der Beruf, sei nicht nur wichtig und spannend, sondern auch äusserst anspruchsvoll.

Noch 20 Vollstellen unbesetzt

Nach Auskunft des Bildungsdepartementes waren vor Wochenfrist an der Volksschule Aargau noch 20 Stellen (auf Vollstellen umgerechnet) offen. Neuste Zahlen folgen am Montag.

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