Die Schweiz als Laboratorium

In seiner Ansprache zum Nationalfeiertag zeigte Politgeograf Michael Hermann in Huttwil auf, dass die Gegensätze in den schweizerischen Mentalitäten langsam verwässern. Diese Entwicklung biete jedoch auch viele Chancen.

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Solothurner Zeitung

Nathalie Brügger

Die Glocken läuteten rund eine Viertelstunde länger, als dies in der Programmschrift angekündigt war. Genügend Zeit also für die Trachtengruppe, um weitere Festbänke aus der alten Turnhalle ins Freie zu holen und dadurch auch den letzten Ankömmlingen noch ein Plätzchen zu verschaffen. Vizegemeinderatspräsidentin Annette Leimer begrüsste das zahlreiche Publikum mit Wortspielereien rund um das Kürzel «CH». Nach unterhaltsamen Intermezzi der Stadtmusik Huttwil und des Jodlerklubs Schwarzenbach war der Auftritt des Ex-Huttwilers Michael Hermann an der Reihe.

Hermann ist Politgeograf und lebt seit knapp zwanzig Jahren in Zürich. Für die Vertreter seiner Berufsgattung sei die Schweiz ein Glücksfall, begann der Referent seine Ausführungen. «Die Form der direkten Demokratie ist weltweit einzigartig.» Jede Abstimmung sei wie eine breit angelegte Umfrage, aus der eine Vielzahl von Daten gewonnen werden könne. Hermann erklärte, was der Politgeograf mit diesen Daten tut: Er dokumentiert den Wandel der politischen Landschaft und die Veränderungen in der kulturellen Vielfalt. Letztere misst sich an Faktoren wie Religion, Sprache sowie Stadt- und Landgefälle.

Die Gegensätze verwässern

«Die Schweiz mit ihren vielen Facetten ist ein perfektes Laboratorium für sozialwissenschaftliche Studien», so Hermann. Seine tägliche Arbeit beweise ihm, dass die Unterschiede kleiner werden, sich die Gegensätze in der Mentalität verwässerten. Die lokale Verwurzelung werde immer schwächer. Dies hange mit der steigenden Mobilität und der Kommunikation zusammen. Schliesslich sei es heute eher so, dass man früher oder später den Ort, in dem man aufgewachsen sei, verlasse.

Wie schnell sich die Gesellschaft verändert, zeigte Michael Hermann an einem lokalen Beispiel auf. Im reformierten Huttwil, nahe der Grenze zu Luzern, wurden die Katholiken zu Hermanns Schulzeiten als «bunte, komische Vögel» angeschaut, und der Bau der katholischen Kirche verursachte einen ebenso grossen Aufruhr wie heute ein Minarettbau. «Inzwischen weiss man kaum mehr, welcher Konfession der andere angehört. So sehr hat sich die Wichtigkeit dieses Faktors verändert.»

Die Entwicklung als Chance sehen

Dass die Vielfalt verloren geht, bedauert Michael Hermann. «Die Unterschiede machen meine Arbeit so spannend», fügt er schmunzelnd an. Er sieht aber auch die Chancen, welche diese Entwicklung auftut. «Die Unterschiede zwischen den Menschen sind gar nicht so gross, die Grundwerte die gleichen. Auch im Iran will man zum Beispiel einfach in Frieden leben können.» Vielleicht schaffe man in Zukunft ja den Schritt zur Akzeptanz - so wie es in Huttwil auch bei den Katholiken der Fall gewesen sei.