Die Schule dem Schüler anpassen

Der zweite Angriff auf die maximalen Klassengrössen im Baselbiet steht bevor. Er dürfte von Erfolg gekrönt werden. Dies ermögliche individuelleren, besseren Unterricht, sagen Befürworter.

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Jürg Gohl

Schon bald werden Primar- und Sekundarklassen, in denen 26 Schülerinnen und Schüler (hoffentlich) an den Lippen eines Lehrers hängen, passé sein. Kürzlich war Landrat Paul Wenger, der der aufs Sparen bedachten SVP angehört, mit seinem Vorschlag, die Maximalzahl einer Primar- oder einer Sekundarklasse der Niveaus E und P um vier Schüler auf 22 zu senken, zwar noch hauchdünn gescheitert. Nun aber fordert Jürg Wiedemann, Landrat der Grünen, nochmals das Gleiche und ist überzeugt, mit seiner Variante des Wenger-Vorschlags Erfolg zu haben. Einzelne Landräte aus dem rechten Lager, die eben noch gegen Wengers Vorschlag votiert hatten, sind nun auf seiner Seite. Zudem wird die Regierung dieses Mal die Mehrkosten genau benennen können.

Zudem unterscheidet sich Wiedemanns Vorschlag minim vom Vorläufermodell: Die von Wenger gewünschte Maximalgrösse von 22 Schülern pro Klasse ist auf 23 erhöht. Diese scheinbare Nuance macht in Wirklichkeit viel aus. «Die Klassengrösse beträgt im Schnitt 21 Jugendliche», sagt Wiedemann, «viele Klassen zählen 23 Schüler. Sie hätten bei der ersten Variante verkleinert werden müssen, bei meiner bleiben sie unangetastet.»

Ihm geht es darum, dass Klassen mit 24 und mehr Schülern der Vergangenheit angehören. An der Sekundarschule Allschwil, an der er selber unterrichtet, fiele ein Fünftel der Klassen in diese Kategorie. «Diese Spitzen müssen im Interesse der Qualität gekappt werden.»

Individueller Unterricht möglich

SVP-Wenger, der den zweiten Anlauf mitunterzeichnet hat, und Grüne-Wiedemann sind sich in zwei Punkten einig: Stellt man die Mehrkosten dem Aufwand gegenüber, den die signifikant höhere Repetitionsquote verursacht, könnte sich die Verkleinerung sogar finanziell rentieren. «Offenbar investieren wir lieber viel Geld in Auffangprogramme», klagt Lehrer Wenger.

Zudem ermöglichen kleinere Klassen besseren Unterricht. Statt des Frontalunterrichts von früher, wie man ihn heute etwa noch aus vollen Uni-Hörsälen kennt, ist der Unterricht neu auf den Schüler ausgerichtet. «Der Vorstoss bestimmt, wie in Zukunft unterrichtet wird», sagt Pädagoge Wiedemann.

Wenger glaubt zudem, dass Bildungsdirektor Urs Wüthrich diese Auffassung teilt und sich contre coeur dem regierungsrätlichen Sparbefehl unterordnet. Wüthrich selber schliesst aus, dass sich der Kanton kleinere Klassen leisten kann. «Spätestens nach der Budgetdebatte wird die Mehrheit des Landrats wissen, dass das für uns nicht drinliegt», sagt der Regierungsrat.

Wüthrich misstraut der Gleichung

Zudem widersetzt sich Wüthrich der einfachen Gleichung, dass die Bildungsqualität sich indirekt proportional - wie das in der Schule wohl heissen würde - zur Klassengrösse verhält. Wüthrich: «Für signifikante Unterschiede fehlen die Beweise.» Er bevorzugt individuelle Lösungen, denn was sich in Schule A bewährt, muss nicht zwingend für Schule B gut sein. «Ein Schema ist immer nur eine Hilfskonstruktion.»