Die eigenartige Durchsage, die in den Neunzigerjahren auf dem einzigen Aargauer Radiosender kam, brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein: «Radio Argovia schaltet sich för die nächscht Viertelstond us und überloht die Frequenz em Aargauer Regionalradio. Ab em Viertel ab Achti simmer wieder do.» Dann: ein Urschrei, ein gezupfter E-Bass, eine raue Stimme. «Aargauer Regionalradio! Block 15! Iiiiiindependent!» Die Message war klar: fertig Weichspüler, ahoi Rock’n’Roll. Im Urschrei steckte vieles, was bis heute auf dem Nachfolgekanal K mitklingt: Freigeistigkeit, Unabhängigkeit, Unangepasstheit.

Eine Frequenz für zwei Sender

Es war prompt ein Gefühl, nicht etwa die Lust auf «meh Dräck» am Radio, die zur Gründung des Regionalradios geführt hatte. Lukas Weiss, Ideengeber und bis heute Verwaltungsratspräsident, sagt: «Ich hatte nie eine statische Vision. Mir war sogar immer klar: Selber werde ich nie Radiomacher. Ich fand einfach, wenn im Aargau Private Radio machen dürfen, müsste das nicht-kommerziell sein.» Weiss, heute an einem ETH-Institut, politisierte als Grossrat der Grünen. So erfuhr er, wie Zeitungsverleger in der Sorge um Werbeeinnahmen versuchten, Privatradios zu verhindern. Das Radio- und Fernsehgesetz gabs noch nicht, der Bundesrat gestaltete die Medienlandschaft via Verordnungen. 1987 gründete Weiss mit Sympathisanten die IG Lokalradio. Unter dem Namen «Alora» wurde den jungen Wilden ein Kurzversuch bewilligt: sechs Wochenenden auf Sendung.

Das Image der Radiorebellen wurde auch optisch gepflegt: Leo Niessner 1996 auf einer Promo-Aufnahme.

Das Image der Radiorebellen wurde auch optisch gepflegt: Leo Niessner 1996 auf einer Promo-Aufnahme.

Die Aargauer Regierung fand Gefallen an der Diversität. Und als es darum ging, 1990 die ersten Konzessionsgesuche für dauerhaften Sendebetrieb zu prüfen, erhielten – zum Erstaunen vieler – sowohl Radio Argovia (Badener Tagblatt) als auch das Aargauer Regionalradio eine Zusage. Bloss: Es gab nur eine Frequenz im Aargau. So wurde geteilt. Von Montag bis Freitag durfte das Regionalradio eine Viertelstunde und am Donnerstag drei Stunden in seinem Stil auf der Argovia-Frequenz senden.

Um jeden Preis unabhängig

30 Jahre später sitzt Leo Niessner, 48, im Foyer des Kanal K in Aarau und sagt: «Wir waren für manche halt schon der Störsender.» Niessner, Gitarrist und Sänger der Badener New-Wave-Band Spencer, war Moderator der ersten Stunde. Seine Musiksendungen nahm er zu Hause auf, mit Doppel-Kassettendeck und Mikrofon. Mit dem Tape im Rucksack fuhr er auf dem Töffli von Rütihof nach Aarau, wo man im Dachstock am Rain 15 ein rudimentäres Studio eingerichtet hatte. Bei Argovia zu produzieren, kam nicht infrage: «Wir wollten um jeden Preis unabhängig sein.» Am Werk waren ausschliesslich freiwillige Sendungsmacher ohne Ausbildung. Entsprechend holprig waren teils die Moderationen und Beiträge. Musikfan Niessner (5000 LPs, 20 000 CDs) merkte dafür schnell: «Am Radio kannst du den Leuten Träume verkaufen.» Er lud Bands zu Live-Aufnahmen. Was am Sonntag aufgezeichnet wurde, weil die Musiker unter der Woche arbeiteten, wurde später als «live» anmoderiert. Die Sessions waren so laut, dass Nachbarn reklamierten: «Wir verschlossen die Eingangstür, damit die Polizei nicht reinkam.» Das Image der Radiorebellen wurde auch optisch gepflegt. Etwa mit Promo-Fotos: Leo mit Mikro und CD im Schaumbad. Als die Major-Labels Sony und Universal den Radios eine kostenpflichtige Musikdatenbank aufzwingen wollten, ging Kanal K auf die Barrikaden. Seither wird man von den zwei Labels boykottiert – aber manch ein Manager, den Niessner persönlich kontaktiert, schickt neue Musik aus Sympathie weiterhin.

Bis heute freiwillig

Sieben Jahre, bis 1997, hielt die regierungsrätlich verordnete Frequenz-Teilung. Lukas Weiss erinnert sich: «Radio Argovia war mit dieser Lösung sehr unglücklich. Und wir konnten das verstehen.» Schon im ersten Betriebsjahr wäre man fast Konkurs gegangen. Doch Argovia erlaubte dem Regionalradio, eigene Werbung im Argovia-Programm zu verkaufen. «Ihnen war klar: Wenn wir kein Geld haben, machen wir ein noch schlechteres Programm.» 1997 folgte die Erlösung: Als Kanal K erhielt das «Komplementärradio» seine eigene Frequenz. Heute wird auf fünf Etagen gearbeitet. Zehn Festangestellte bieten die Plattform, damit freiwillige Radiomachende ihre Sendungen realisieren können. Nicht möglich wäre dies ohne das Projekt «Stage-on-Air», das Arbeitslosen eine Beschäftigung bietet.

Bis heute hat Niessner seine eigenen Sendungen auf Kanal K. Zu einem grossen Sender hat es ihn nie gezogen. Er sagt: «Dass wir im Aargau sind, ist ein grosser Teil unseres Erfolgs.» Man müsse die Region ernstnehmen, die Kulturszenen in Aarau und Baden seien «wahnsinnig aktiv». Einzig etwas experimenteller dürfe man wieder werden.


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