Obstanlage
Die Obstanlage als Fünfsternehotel für Nützlinge

Kann man Äpfel ganz ohne Pestizide professionell anbauen? Dieser Frage geht das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) in Frick nach.

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Eric Wyss

Eric Wyss

Aargauer Zeitung

«Bis jetzt hat es sehr gut funktioniert», sagt Eric Wyss, Vizedirektor des FiBL. Für das auf zehn Jahre angelegte Projekt interessieren sich sowohl Bio- als auch konventionelle Obstbauern - zum Wohle der Konsumenten.

Im Herbst 2006 haben Mitarbeiter des FiBL eine Hektare Land mit 1700 Apfelbäumen bepflanzt. Das ist nur halb soviel wie in einer gewöhnlichen Bioanlage stehen. Luft soll zirkulieren zwischen den Bäumchen in der Modellanlage, damit diese nach einem Regenschauer schnell wieder abtrocknen. Dies soll die Entwicklung von Krankheiten verhindern.

Die Finanzierung ist schwierig

Noch fehlen 120 000 Franken für das Projekt

Das Projekt ist auf zehn Jahre angelegt. Das Bundesamt für Landwirtschaft leistete die Anschubfinanzierung mit 200 000 Franken. Drei Private Stiftungen finanzieren einen weiteren Teil. Für das rund eine Million Franken teure Projekt fehlen aber immer noch 120 000 Franken für die letzten zwei Jahre. Obwohl wegweisend, sind Gelder für Projekte dieser Art wegen der aktuellen Finanzkrise nicht einfach zu akquirieren. Solche und ähnliche zukunftsweisende Versuche müssen jedoch Institutionen wie das FiBL übernehmen. Denn für Obstbauern ist das Risiko einer schlechten Ernte nicht tragbar. (krea)

In den Fahrgassen und den Hecken rings um die Obstanlage wurden mittels gezielt gewählter, einheimischer Flora künstliche Habitate für Nützlinge geschaffen. Möglichst das ganze Jahr über soll etwas blühen - und so Heimat sein für Marienkäfer, Schlupfwespen, Schwebe- und Florfliegen und andere nützliche Insekten. Die adulten Tiere brauchen Pollen und Nektar, für ihren Nachwuchs aber werden sie zu gnadenlosen Jägern. Ihre Beute: vor allem Schädlinge.

Die Forscher des FiBL haben neben krautigen Blütenpflanzen wie Malve und Wegwarte auch Nutzpflanzen wie Kulturhasel, Felsenbirne, Roter und Schwarzer Holunder gepflanzt: Pflanzen, die dem Bauern nicht nur Nützlinge, sondern auch Früchte bringen.

Alles Wissen der Welt vereint

Der Holunder beherbergt Blattläuse, die mit denen der Obstanlage eng verwandt sind. Schlupfwespen stechen die Blattläuse des Holunders an, legen ihre Eier in die Minikörper, in denen sich dann die Wespen entwickeln. Die Blattläuse sterben. «Wir hoffen, dass sich eine grosse Population Schlupfwespen entwickelt, die dann auch die Blattläuse auf den Apfelbäumen anstechen», erklärt Wyss. Der Hasel wiederum ist eine Quelle für Raubmilben, die in der Obstanlage Spinnmilben fressen. «Es gibt solche Kopplungen, die einfach funktionieren», sagt Wyss.

Die Mitarbeiter des FiBL haben ausserdem Nisthilfen und Unterstände montiert, etwa für Fledermäuse und Meisen. Letztere verfüttern ihrem Nachwuchs pro Saison geschätzte drei Kilogramm (!) Raupen, zum Beispiel jene von den im Obstbau gefürchteten Gespinnstmotten und Frostspannern.

Marienkäfer, Meisen und Co. sollen helfen, eine gewagte Hypothese zu bestätigen: Man kann Äpfel ohne Pestizide rentabel produzieren. Dazu bedarf es eines möglichst natürlichen Gleichgewichts. «In unserer Modellanlage ist alles Wissen vereint, das man weltweit zum Thema gesammelt hat», sagt Projektleiter Wyss. Es sei zwar eine künstliche Landschaft, erläutert der Biologe, «Agrikultur. Aber mit gezielten Massnahmen schafft man es sehr nahe an die Begebenheiten der Natur.»

Als Referenz dienen eine intensiv behandelte Bioanlage und eine IP-Obstanlage.

Drei Jahre nach dem Pflanzen der Bäumchen sind erste Tendenzen erkennbar. Es scheint, als ob tatsächlich auch auf Tonerde, Kupfer und Insektizide, die heute noch im Bioobstbau eingesetzt werden, verzichtet werden kann.

Die pestizidfreie Anlage bietet ökologische Vorteile. Und vor allem Lebensmittel, die völlig frei sind von Spritzmittelrückständen. «Das Interesse an unserem Versuch ist gross, auch von konventionellen Obstbauern», sagt Wyss. Der Einsatz von Pflanzenschutzmittel stresse viele Bauern. Deshalb seien sie sehr daran interessiert, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel zu reduzieren.

«Wollen konkurrenzfähig sein»

Der Asiatische Marienkäfer Asiatische Marienkäfer haben eine extrem variable Färbung und sind mit sechs bis acht Millimeter etwas grösser als die einheimischen Arten. Der Exot ist in der Modellanlage extrem gut vertreten und hat die Frühlingspopulation der Blattläuse praktisch vernichtet. Und er drängt die einheimischen Arten stark zurück: Seine Larven (Bild) töten die Larven der einheimischen Arten. «Es ist eine Katastrophe, sagt der Naturschützer in mir», sagt Wyss. «Irgendwann wird sich das wieder einpendeln, sagt der Wissenschafter. Und der Produzent sagt: Mir ist es egal, wer die Blattläuse frisst.» Die Art wurde Ende des 20. Jahrhunderts zunächst in die USA und dann auch nach Europa zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingeführt. «Der unvorsichtige Umgang mit nicht einheimischen Tierchen führt immer wieder zu ökologischen Katastrophen», kommentiert Wyss.

Der Asiatische Marienkäfer Asiatische Marienkäfer haben eine extrem variable Färbung und sind mit sechs bis acht Millimeter etwas grösser als die einheimischen Arten. Der Exot ist in der Modellanlage extrem gut vertreten und hat die Frühlingspopulation der Blattläuse praktisch vernichtet. Und er drängt die einheimischen Arten stark zurück: Seine Larven (Bild) töten die Larven der einheimischen Arten. «Es ist eine Katastrophe, sagt der Naturschützer in mir», sagt Wyss. «Irgendwann wird sich das wieder einpendeln, sagt der Wissenschafter. Und der Produzent sagt: Mir ist es egal, wer die Blattläuse frisst.» Die Art wurde Ende des 20. Jahrhunderts zunächst in die USA und dann auch nach Europa zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingeführt. «Der unvorsichtige Umgang mit nicht einheimischen Tierchen führt immer wieder zu ökologischen Katastrophen», kommentiert Wyss.

Aargauer Zeitung

Es sei jedoch noch zu früh für Aussagen mit Gültigkeit, sagt Wyss. «Wir machen keine Fantasiegebilde, die zwar paradiesisch sind, aber die Geldbeutel der Obstbauern nicht füllen.» Deshalb müsse man abwarten, bis Arbeitsaufwand und Ertrag gegenüber gestellt werden könnten. «Wir wollen mit unserer Anlage konkurrenzfähig sein.»

Was jetzt schon sicher ist: In der Modellanlage ist die Artenvielfalt deutlich grösser als in den Referenzanlagen. «Die Unterschiede sind schon nach drei Jahren umwerfend», freut sich Biologe Wyss. Auf den Blumen in den Fahrgassen sitzen Bläulinge und Mauerfuchs, ein Kleines Wiesenvöglein flattert durch die Anlage, Heuschrecken zirpen. Heuschrecken und Tagfalter sind Indikatoren für die Biodiversität: Wo sie leben, leben auch viele andere Arten. «Je höher die Artenvielfalt, umso stabiler das System», erklärt Wyss.

Zu stabilen Systemen gehören auch die Schädlinge, sie sind dort kein Problem. Wyss aber muss dann und wann die Obstbauern beruhigen. Besonders letztes Jahr wurden diese schon ganz hibbelig, weil die Schädlinge deutlich vor den Nützlingen aktiv wurden, auch in der Modellanlage, und sich schnell vermehrten, die Spinnmilben, Apfelblattläuse und Apfelwickler.

Wir müssen jetzt Geduld haben, besänftigte Wyss die Obstbauern, die nach ihrem Gutdünken längst zum Gift gegriffen hätten. Die Nützlinge werden das schon richten, sagte der Biologe.

So kam es denn auch. Die Schäden waren bis dann zwar sichtbar. Aber nicht so, dass sie die Anlage gefährdeten.

Weil es heuer lange kalt war, und dann schnell heiss, sind Schädlinge und Nützlinge fast gleichzeitig aufgetreten. «Mit der Klimaerwärmung könnten warme Frühjahre künftig Standard sein», sagt Wyss. «Wir wissen es nicht.»

Ungewiss sind auch die Auswirkungen der Erwärmung - gerade auch auf den Obstbau.