Seit vier Jahren gilt: Wer einen Lehrfahrausweis beantragt, fährt auch nach der Prüfung auf Probe weiter. Vor den zusätzlichen Kursen drücken sich die Neulenker nicht.

Julian Perrenoud

Der Frust mag für Lehrfahrer gross gewesen sein, als sie ihren Ausweis erst nach dem 1. Dezember 2005 erhielten. Sie gehörten zu den Ersten, die mit dem «Grünen L» unterwegs waren, während dreier Jahre keinen Unfall bauen durften und ihr Geld für Zusatzkurse ausgeben mussten. Seither hat die Motorfahrzeugkontrolle des Kantons Solothurn 7866 solcher Führerscheine auf Probe ausgestellt, wie der stellvertretende Vorsteher, Peter Gysin, sagt.

Ganzen 68 Neulenkern wurde in dieser Zeit der Führerschein annulliert. Sie verloren ihn, weil sie mit dem Strassengesetz in Konflikt kamen – bauten Unfälle, fuhren viel zu schnell oder betrunken. Bis sie wieder einen Lehrfahrausweis beantragen können, muss seit dem Vorfall ein Jahr verstreichen, und die Lenker haben ein verkehrspsychologisches Gutachten vorzuweisen. Das
nationale Strassengesetz wurde verschärft, weil Neulenker im Strassenverkehr besonders gefährdet sind. Frühere Massnahmen waren das in den 90er-Jahren eingeführte Theorie-Obligatorium, die Promillegrenze (0,5) und verdachtsfreie Kontrollen der Polizei aufAlkohol.

Rechnung wird doppelt teuer

Jeder Neulenker erhält nach bestandener Prüfung ein Merkblatt, das auf die vorgeschriebenen eintägigen Weiterausbildungs-Kurse (WAB1 und WAB2) hinweist. Diese befassen sich mit gefährlichen Verkehrssituationen oder umweltbewusstem Fahren. Verstreicht die Frist von drei Jahren und auch die dreimonatige Nachfrist ohne Kursbesuche, verlieren die Lenker ihren Ausweis. Im Kanton Solothurn betraf dies bisher 33 Personen. «Bei fast allen wars ein ‹Verlauere›», glaubt Gysin. Sie hätten es schlicht vergessen, die Kurse zu besuchen. Den Neulenkern kommt diese Rechnung doppelt so teuer zu stehen: Sie müssen die gesamte Fahrprüfung wiederholen. Wie Gysin sagt, besitzen alle 33 Betroffenen wieder einen Lehrfahrausweis. Bei den fast 8000 Führerscheinen auf Probe ist das ein tiefer Wert. Wie hoch die Anzahl Neulenker 2009 war, weiss Gysin nicht. «Für uns ist wichtiger, wie viele gesamthaft auf den Strassen unterwegs sind.»

Haben die Neulenker ihre praktische Fahrprüfung bestanden, schickt sie oft der Fahrlehrer an den WAB1. Aber: Die Jungen können selber wählen, wo sie beide Kurse besuchen. Das kann in der Ostschweiz, dem Tessin oder in der Romandie sein. Schweizweit bieten derzeit 36 private Firmen und Institutionen WAB-Kurse an. Regional bestehen bereits mehrere Angebote, zusätzlich will der Touring Club Schweiz (TCS) in Derendingen im Sommer 2011 ein neues Verkehrssicherheitszentrum eröffnen.

Kurse als Erlebnis

Das Driving Center Schweiz hält zirka zehn Prozent Marktanteile der obligatorischen Weiterbildungskurse, bietet diese auch in Solothurn, Niedergösgen und Safenwil an. Die ersten Jahre seien träge angelaufen, sagt Geschäftsführer Peter Koch. «Nun spüren wir eine deutliche Zunahme.» Der direkte Bezug zu den Neulenkern fehle ihnen aber: «Fahrlehrer erhalten oft ein Kopfgeld, wenn sie ihre Schützlinge an
einen lokalen Anbieter vermitteln.» Koch will den Jungen ein Erlebnis bieten: «Viele
erscheinen unmotiviert zu
den Kursen, aber am Ende haben sie den Plausch.» Er setzt auf Qualität, stattet deshalb seine Driving Center mit viel Technik aus. Die geforderten 50 Stundenkilometer liessen sich so gefahrlos einhalten und praxisnahe Fahrerlebnisse nachempfinden.

Das von einigen Fahrlehrern aufgebaute Verkehrssicherheitszentrum Mittelland AG auf dem Gugelmannareal in Roggwil arbeitet mit 150 Partnern zusammen. Für den Weiterbildungskurs 1 verzeichnet es eine hohe Besucherquote (75 Prozent). Hier bieten die Fahrlehrer ihre erfolgreichen Prüfungsabsolventen gleich selber auf. Heuer sollen etwa 4000 Neulenker WAB-Kurse besuchen. Die verantwortlichen Fahrlehrer wollen das Angebot deshalb ausbauen. Obschon sich die Junglenker überwiegend positiv äusserten, seien sie der Ansicht, der Staat müsse die vorgeschriebenen Kurse bezahlen, sagte Mitinhaber René Huber gegenüber dieser Zeitung. Beide Weiterbildungskurse-Kurse kosten zusammen fast 700 Franken.

Mehr Arbeit als Folge

Die Solothurner Motorfahrzeugkontrolle prüft, ob Neulenker die Kurse besuchen. Gysin kann noch nicht sagen, ob sich diese präventiv gegen Unfälle auswirken. Eine entsprechende Statistik müsse schweizweit entstehen. Klar ist: Der Führerschein auf Probe beschert der MFK mehr Arbeit als zuvor. So gibt es Fälle, die sie erst beim Bundesamt für Verkehr (BAV) abklären muss. Etwa wenn ein Ausweis auf Probe abläuft, während der Neulenker im Ausland weilt (unbefristeter EU-Ausweis möglich).

Kürzlich bearbeitete Gysin den Fall einer älteren Dame, die bereits vor 22 Jahren einen Lehrfahrausweis besass. Gefahren ist sie seither nie. Da sie diesen Ausweis vor Ende 2005 erhielt, kann sie heute ohne «Grünen L» fahren. Trotz neuerlicher Fahrprüfung.