Schönheitswettbewerb
Die neue Miss Japan sieht nicht japanisch genug aus

Die Wahl von Ariana Miyamoto zur Miss Japan spaltet das konservative Land. Die 20-Jährige mit afroamerikanischem Vater steht für eine Abkehr vom tradidtionellen Schönheitsideal.

Felix Lill, Tokio
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Skandal und Meilenstein zugleich: Miss Japan Ariana Miyamoto. imago

Skandal und Meilenstein zugleich: Miss Japan Ariana Miyamoto. imago

imago/Kyodo News

Ariana Miyamoto ist eine ziemlich hübsche Frau. Ihr kräftiges schwarzes Haar wellt sich über ihre schmalen Schultern, ihre dunklen Augen sehen wie grosse Knöpfe aus, die Nase ist schmal und klein, die Lippen voll, ihr Lächeln wirkt herzlich. Alles passt zusammen, wie massgeschneidert.

Wohl nicht durch Zufall wurde die Japanerin gerade zur schönsten Frau ihres Landes gekürt. Mitte März gewann die 20-Jährige aus Sasebo in der Präfektur Nagasaki die Wahl zur Miss Japan. Als ihr Sieg verkündet wurde, jubelte der Saal, die junge Frau war den Tränen nahe, alle waren glücklich – wie solche Model-Entscheide eben aussehen.

Aber was eigentlich über Wochen einen kaum reflektierten Personenkult um eine neue Celebrity auslöst, hat in Japan zugleich eine Debatte entfacht. Skeptische Kommentatoren fragen: Sollte diese Miyamoto wirklich bei dem Miss-Universe-Wettbewerb für Japan antreten? Schliesslich ist ihre Haut dunkler als die der Durchschnittsjapanerin, ihre Gesichtszüge etwas markanter, einfach ausgedrückt: sie sehe nicht japanisch genug aus. Was soll die Welt von Japan denken?

Einige unter vielen Einträgen in sozialen Medien fragen dieser Tage: «Ist es okay, eine «haafu» (die japanische Bezeichnung für Menschen mit gemischter Abstammung) als Japans Repräsentantin auszuwählen? Manchmal sind die Kriterien, nach denen sie die Kandidatin für die Miss Universe auswählen, ein bisschen mysteriös.» Ein anderer schrieb: «Obwohl sie Miss Japan ist, sieht ihr Gesicht doch ausländisch aus. Egal, wie man draufschaut.» Und ein dritter: «Schönheitswettbewerb. Miss Japan ist ... was? Was für eine Person? Sie ist... nicht ... japanisch, richtig?»

Der Vater ist Afroamerikaner

Ariana Miyamoto hat einen afroamerikanischen Vater und eine japanische Mutter. Sie ist damit die Erste, die mit einem für konservative Erwartungen nicht offensichtlich japanischen Aussehen zur schönsten Frau ihres Landes gewählt wurde. Dass dies so ist, spaltet offenbar das Land: Den einen gilt dies als Abkehr vom traditionellen Schönheitsideal Japans, geprägt unter anderem von sehr heller Haut. Für andere aber verkörpert sie einen Schritt hin zu mehr Multikulturalität. So ist der Sieg Miyamotos Skandal und Meilenstein zugleich.

Nur zwei Prozent Ausländer

Wie viele Japaner die Wahl Miyamotos skeptisch sehen, steht nicht fest. Dass es sich aber um eine verschwindend kleine Minderheit handelt, ist unwahrscheinlich. Weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Japans sind Ausländer, der Grossteil davon kommt aus den Nachbarländern China und Südkorea. Da die Bevölkerung wegen sehr geringer Geburtenraten seit Jahren sinkt, herrscht akuter Arbeitskräftemangel, sodass auch weiteres Wirtschaftswachstum nur schwer zu erreichen ist. Eine offensichtliche Lösung des Problems wäre, sich stärker für Einwanderung zu öffnen. Aber keine der grösseren Parteien macht sich für so einen Schritt stark, weil Umfragen zufolge die meisten Japaner keine weiteren Einwanderer in ihrem Land wollen.

Das häufigste Argument gegen mehr Einwanderung: Es würde zu kulturellen Reibungen kommen. Obwohl organisiertes Verbrechen in grossem Stil geschieht, machen Konservative gerne Ausländer für Kriminalität verantwortlich. Bis heute hat Japan auch kein Antidiskriminierungsgesetz, das vor ungerechter Behandlung aufgrund der Hautfarbe oder anderer äusserlicher Merkmale schützt. Und als die Regierung um die Jahrtausendwende doch mal eine Einwanderungsoffensive fuhr, um japanischstämmigen Brasilianern Jobs für einfache Tätigkeiten anzubieten, mangelte es an Integrationsprogrammen. Viele Neuankömmlinge wurden nicht recht heimisch. Als dann im Zuge der Finanzkrise ab 2008 viele Jobs gestrichen wurden, gab es ein Angebot: ein Handgeld mit einem One-Way-Ticket nach Brasilien – unter der Bedingung, nicht wieder in Japan Arbeit zu suchen.

Eigene Kultur gilt als einzigartig

Pro Jahr nimmt Japan auch nur eine Handvoll Flüchtlinge auf, obwohl die Anzahl der Anträge um ein Vielfaches höher liegt. Die Regierung rechtfertigt dies damit, dass kaum ein Land mehr Geld für Entwicklungszusammenarbeit ausgebe als Japan. Man helfe eben lieber vor Ort, als Menschen mühsam in die eigene Gesellschaft einzugliedern. Denn die Integration in die japanische Lebensart stellt man sich für Ausländer nur schwer möglich vor. Schliesslich schottete sich der Inselstaat bis zu seinen modernisierenden Reformen ab 1868 für rund 200 Jahre völlig vom Rest der Welt ab. So unterscheidet man noch heute gern zwischen Japan und dem Rest der Welt, hält die eigene Kultur dabei für so einzigartig, dass Ausländer sie kaum verstehen können.

Nur trifft all dies kaum auf die offiziell schönste Frau des Landes zu. Ariana Miyamoto spricht perfekt und akzentfrei Japanisch, soll die ur-japanische Kunst der Kalligrafie beherrschen und scheint sich auch sonst auf dem mannigfaltigen Gebiet der Benimmregeln elegant zu bewegen. Sonst hätte sie einen Miss-Wettbewerb kaum gewonnen. Diejenigen, die sich ein multikulturelleres Japan wünschen, können sich trotz der Zweifel am Sieg Miyamotos dennoch freuen. Immerhin kann man in Japan jetzt gewinnen, auch wenn man nicht allen altmodischen Kriterien entspricht.