Die Mutter der kleinen Igel im Fricktal

Gast: Der Igel ist zu leicht, um Winterschlaf zu machen. Um keine Krankheiten zu übersehen, beobachtet Anneliese Girlich den Igel genau. lbr

Igel

Gast: Der Igel ist zu leicht, um Winterschlaf zu machen. Um keine Krankheiten zu übersehen, beobachtet Anneliese Girlich den Igel genau. lbr

Dieses Jahr sind die Tiere, die auf der Igelstation abgegeben werden, in schlechterem Zustand als im Vorjahr. Anneliese Girlich kämpft trotzdem um jedes einzelne Igelleben.

Lilly-Anne Brugger

«Momentan ist die Situation besonders schlimm. Ich erhalte sehr viele kleine Igel zur Pflege, die nicht schwer genug sind für den Winterschlaf», sagt Anneliese Girlich, Igelmutter aus Rheinfelden. Mindestens 700 bis 800 Gramm schwer sollten die Igel sein, damit sie den Winterschlaf unbeschadet überstehen. Bei der Rheinfelder Igelmutter werden aber häufig Igel abgegeben, die knapp halb so schwer sind.

«Kommen Sie mit», sagt Anneliese Girlich, steht auf und öffnet eine Tür. In ihrem Gäste-WC hat Girlich einen kleinen Gast einquartiert: Die Heizung läuft auf vollen Touren und der Boden ist mit Zeitungen ausgelegt. Unter dem Lavabo steht eine kleine Kartonschachtel und davor auf einem Tellerchen etwas Katzenfutter. «Als dieser Igel vor sechs Tagen zu mir kam, war er so schwach, dass er kaum noch stehen konnte», sagt Girlich und holt den kleinen Igel aus seinem Kartonhaus. In der Hand von Anneliese Girlich rollt sich das Stacheltier sofort zu einer Kugel zusammen. «Die Reflexe stimmen nun zwar wieder, aber der Igel ist noch viel zu leicht.»

Tierspital im oberen Stock

Acht Igel päppelt Anneliese Girlich momentan in ihrem Einfamilienhaus am Tannenweg in Rheinfelden auf. 241 Igel sind schon auf der Station aufgenommen worden. Neuzugänge kommen immer zuerst ins Gäste-WC. Dort kann Girlich die Igel beobachten. Sie hört genau hin, ob die Tiere husten. Dies würde auf Lungenwürmer hindeuten. Wenn nötig macht Girlich den Igeln Infusionen oder gibt ihnen Spritzen. Sobald der Neuzugang aber stabil ist, erhält er eine eigene Krankenbox im oberen Stock des Hauses. Dort wird er gesund gepflegt, um den Winterschlaf unbeschadet zu überstehen. Ausserdem werden die Igel auch gegen Krankheiten entwurmt.

In einer solchen Krankenbox wohnt momentan der «Beissigel». Dieser Igel schnappt gerne nach dem Finger von Anneliese Girlich, wenn sie die Box putzt oder dem Igel neue Nahrung und Wasser gibt. Er hat während einer Woche drei Spritzen pro Tag erhalten und ist nun dementsprechend ängstlich. Als einziger der acht Igel verlässt er immer wieder sein Kartonhäuschen. Für einen Winterschlaf ist er eindeutig noch nicht gesund genug. Sobald die Igel gesund sind, kommen sie an Überwinterungsplätze.

Überwinterungsplätze gesucht

«Ich bin immer wieder froh um gute Überwinterungsplätze», erzählt Anneliese Girlich. So auch dieses Jahr, denn die elf Plätze in ihrem Garten sind alle ausgebucht. «Ich schaue mir die Überwinterungsplätze ganz genau an», betont Girlich. So sei etwa wichtig, dass der Platz nicht an einer stark befahrenen Strasse liege. Die Gefahr, dass der Igel im Frühling von einem Auto überfahren würde, wäre zu gross. Ausserdem müsse man sich bewusst sein, dass ein Igel ein Wildtier sei, sagt Anneliese Girlich. «Im Frühling soll der Igel die Möglichkeit haben, frei durch die Natur zu wandern.» Bis 5 km kann ein männlicher Igel in einer Nacht zurücklegen.

Langjährige Igelmutter

Seit 29 Jahren führt Anneliese Girlich die Igelstation in Rheinfelden. Ihre ersten Findel-igel waren zwei Igelbabys, die eine Rheinfelder Tierärztin bei ihr in Pflege gab. In der Zwischenzeit lebt Girlich für «ihre» Igel. «Ferien machen kann man eigentlich nur im Februar», meint sie - oder sie nimmt ihre Igel gleich mit in die Ferien. Während der restlichen Monate bestimmen die Igel das Leben von Anneliese Girlich.

Der Aufwand für die Igelstation ist riesig - nicht nur vom zeitlichen Aspekt her. Neben Futter und Medikamenten gibt es auch viele versteckte Kosten, etwa die Kehrichtabfuhr. Obwohl Girlich eine vom Kanton anerkannte Igelstationen führt, bezahlt sie alles selber. Über Spenden ist
sie deshalb immer dankbar. Die 18 Boxen, in denen momentan auch der «Beissigel» wohnt, wurden so finanziert.

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