Kühe
Die Mühen mit den Mutterkühen

Wenn Kälber und Kühe auf den Wiesen grasen, kann diese Idylle auf Wanderer sehr anziehend wirken. Wer zu nahe an die Herden tritt, könnte von den Mutterkühen als Bedrohung wahrgenommen werden.

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Mutterkuhhaltung

Mutterkuhhaltung

Solothurner Zeitung

Astrid Bucher

Die Jurahöhen locken Passanten mit bezaubernden Wanderwegen. Viele der Wege führen jeweils direkt durch die Weiden, wo Kuhherden immer öfters frei herumlaufen. «Viele Wanderer behaupten, dass sie von meinen Kühen angegriffen werden», sagt Manfred Hänni, Hirt auf dem Vorder Brandberg oberhalb von Herbetswil im Kanton Solothurn.

So schlimm, wie die Touristen die Vorfälle jeweils schildern, sei die Situation aber nicht. Mit Attacken auf Menschen, da werde auch oft übertrieben. «Hochlandrinder werden mit Stieren verwechselt und wenn eine Kuh auf einen zugelaufen kommt, wird das gleich als Attacke bezeichnet», berichtet Hänni aus Erfahrung.

«Das grösste Problem ist das Unwissen der Passanten», so der Bauer. «Sie haben keine Ahnung, wie sie korrekt an einer Kuhherde vorbeigehen sollten.» Seit dreizehn Jahren wohnt und arbeitet Familie Hänni auf dem Berghof. Jeden Sommer grasen rund 80 Kühe auf dem Weidland. Letztes Jahr sind 30 Kälber auf den Weiden zur Welt gekommen, heuer sind es bereis um die 20 Neugeborene. «Jeden Tag bin ich bei den Kühen. Hätte es eine Böse dabei, würde ich dafür sorgen, dass sie sofort zurück in ihren Stall kommt.»

Bis auf seine eigenen Tiere stammen nämlich alle Kühe aus den umliegenden Thaler Gemeinden und verbringen jeweils den Sommer auf den saftigen Wiesen auf dem Vorder Brandberg. Am kommenden Sonntag geht die Sömmerung zu Ende, dann gehts zurück ins Tal.

Bauer und Kuh trifft keine Schuld

Zäune ziehen die Bauern mit Mutterkuhhaltung jeweils sehr grosszügig um das Weidland. «Das ist tatsächlich ein Problem», sagt Hans Küpfer vom Verein Solothurner Wanderwege. Der Verein plant, signalisiert und unterhält das 1300 Kilometer lange Wanderwegnetz im Kanton. «Seit rund fünf Jahren häufen sich die Meldungen über Kuh-Attacken», weiss Küpfer, der sich um die Markierung der Wege kümmert.

«Zum Glück ist noch nie etwas Gravierendes passiert», räumt er ein. Als Markierungs-Chef kenne er die heiklen Stellen. Darum hat der Verein Anfang Jahr Hinweistafeln kreiert, die auf die Gefahren hinweisen. «Die Kühe können ja nichts dafür, das ist reiner Mutterinstinkt», bekräftigt Küpfer. Und auch den Bauern will er keine Vorwürfe machen, dass sie Mutterkuhhaltung betreiben. Schliesslich ist das eine zeitsparende Art von Tierhaltung, und die heutigen Milchkühe sind leistungsfähiger geworden, der Absatz der Milchmenge aber begrenzt.

Das Unwissen der Leute beheben

«Wir müssen die Passanten und Wanderer auf das Problem sensibilisieren», sagen Küpfer und andere Bauern auf den Jurahöhen unisono. Es sei tatsächlich «härzig», zu sehen, wie die Kälber mit ihren Muttertieren auf den Weiden grasen: Diese Idylle wirkt doch auf eine Familie richtiggehend anziehend», sagt Küpfer.

Vielleicht war die Familie zuvor auch schon in einem Stall zu Besuch, und die Kinder durften dort die Kälbchen streicheln. «Genau da beginnt das Problem: Viele wissen einfach nicht, dass die Kälber auf der Wiese nicht zum Anfassen da sind», bestätigt auch Franz Niederberger vom Sennhaus auf dem Weissenstein: «Es ist nur normal, dass eine Mutterkuh ihr Kälbchen gegen potenzielle Feinde verteidigt.»

Hinweistafeln werden kaum beachtet

Niederberger hat die Tafeln der «Solothurner Wanderwege» bei seinem Hof auf dem Weissenstein aufgehängt. «Sie werden aber kaum beachtet», stellt der Bauer fest. «Es ist dasselbe Problem wie mit Hinweistafeln gegen Littering.» Es gäbe zu viele Verbote und Hinweise, so dass sie die Leute kaum mehr wahrnehmen. Zudem sei sein Weidland sehr weitläufig. «Es ist doch selbstverständlich, dass eine Herde einfach nicht gestört werden sollte», so Niederberger.

Bäuerin Elsbeth Lanz vom Berghof Montpelon oberhalb von Gänsbrunnen bringt noch einen heiklen Faktor hervor: «Mutterkühe können vor allem Hunde nicht ausstehen und verfolgen sie, bis sie ausser Gefahr sind.» Da stimmen Niederberger als auch Hänni zu: «Mit Hunden kann es tatsächlich brenzlig werden». Fifi, Bello und Co. gehören beim Passieren einer Weide darum immer an die Leine.