Die mobile Polizei auf der Raserjagd

Im Herbst will Roadcross mit der Raserinitiative die Raser von der Strasse verbannen. Ein ähnliches Ziel hat die mobile Polizei.

Drucken
raser kontrolle.jpg

raser kontrolle.jpg

Aargauer Zeitung

JESSICA PFISTER

Autobahn Bern Richtung Freiburg. Es ist Mittwochnachmittag, das Quecksilber misst heisse 28 Grad. Lorenz Mühlemann, Schichtchef bei der Mobilen Polizei Bern, sitzt am Steuer eines grauen Opel Omega. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Er kneift die Augen zusammen, beobachtet konzentriert den Verkehr. Der Tacho zeigt Tempo 120. Plötzlich drückt er aufs Gas. «Da ist ein potenzieller Kandidat », knurrt er. Damit ist ein silberner Audi mit Berner Nummernschild gemeint, der auf der linken Spur von hinten angerast kommt. Doch kaum ist das Auto schräg vor dem Polizeiwagen, wechselt der Fahrer ruckartig die Spur, fährt einem anderen Auto dicht vors Heck und nimmt die nächste Ausfahrt. «Jetzt ein Bremsmanöver hinzulegen und ihm zu folgen, wäre nicht verhältnismässig », erklärt Mühlemann kopfschüttelnd.

Exzessive Fahrer im Radar

Mühlemann und sein Kollege Frank Rüfenacht, Fachbereichleiter Verkehr von der Mobilen Polizei Mittelland, Emmental und Oberaargau, sind auf der Jagd nach Verkehrssündern. Und zwar nicht nach den kleinen Fischen: «Uns interessieren nur die exzessiven Fahrer, solche, die zum Beispiel mit über 150 über die Autobahn brettern und notorische Drängler », sagt Rüfenacht. Der Opel, mit dem die beiden unterwegs sind, ist nicht irgendein ziviler Polizeiwagen; wer genauer hinschaut, entdeckt zwei kleine High-Tech-Kameras: eine am Rückspiegel, die andere kaum sichtbar hinten auf der Hutablage. «Die Kameras sind konstant eingeschaltet und zeichnen den Verkehr auf», erklärt Mühlemann. Die Aufnahmen flimmern über den Bildschirm zwischen Fahrer- und Beifahrersitz. Insgesamt vier Wagen sind mit diesem Video-Distanz-Auswertungssystem («Vidista» genannt) ausgestattet. «Es ermöglicht uns, Geschwindigkeitssünder und Auffahrer mit sehr präzisen Daten zu überführen» (siehe Box).

SO FUNKTIONIERT ES Neben Zug arbeitet Bern als einzige Kantonspolizei mit dem ausgeklügelten Video-Distanz- Auswertungssystem. Die Kameras nehmen das Verkehrsgeschehen auf der Autobahn sowie zurückgelegte Strecke und Geschwindigkeit des Polizeiautos auf Band auf. Bei Geschwindigkeitssündern wird anschliessend am Computer eine Strecke ausgewertet und die Durchschnittsgeschwindigkeit ermittelt. Anders ist es bei Dränglern: Zunächst benötigt die Polizei die Autonummer der Fahrzeuge. Anhand dieser erfährt sie aus einer Datenbank die Typenschein- Nummer. Diese verrät den Beamten Länge, Breite und Höhe der Autos. Anhand der Angaben errechnet der Computer den Abstand zwischen zwei Fahrzeugen über eine Strecke von mindestens 300 Metern. War der Abstand zu kurz, erfolgt eine Strafanzeige. (JEP)    

SO FUNKTIONIERT ES Neben Zug arbeitet Bern als einzige Kantonspolizei mit dem ausgeklügelten Video-Distanz- Auswertungssystem. Die Kameras nehmen das Verkehrsgeschehen auf der Autobahn sowie zurückgelegte Strecke und Geschwindigkeit des Polizeiautos auf Band auf. Bei Geschwindigkeitssündern wird anschliessend am Computer eine Strecke ausgewertet und die Durchschnittsgeschwindigkeit ermittelt. Anders ist es bei Dränglern: Zunächst benötigt die Polizei die Autonummer der Fahrzeuge. Anhand dieser erfährt sie aus einer Datenbank die Typenschein- Nummer. Diese verrät den Beamten Länge, Breite und Höhe der Autos. Anhand der Angaben errechnet der Computer den Abstand zwischen zwei Fahrzeugen über eine Strecke von mindestens 300 Metern. War der Abstand zu kurz, erfolgt eine Strafanzeige. (JEP)    

Aargauer Zeitung

700 Delikte aufgezeichnet

Der Polizeifunk ertönt: Rund zweimal pro Tag erhält die mobile Equipe über Funk Tipps zu Temposündern oder Dränglern. Ob man diese dann auch wirklich aufspürt, ist ungewiss. «Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein», erklärt Rüfenacht. Rund 700 Delikte haben die Kameras der Mobilen Polizei im letzten Jahr auf Band aufgenommen. Davon waren rund 300 Geschwindkeitssünder. «Dass es sich gerade bei Geschwindigkeitsdelikten sehr häufig um junge Männer aus dem Osten handelt, ist leider Fakt», sagt Rüfenacht. Traurig sei, dass gerade die Jungen sich nicht bewusst sind, dass ihr Rasen auch eine Gefahr für andere darstellt. Deshalb versteht Rüfenacht auch die politische Diskussion. «Der Vorstoss, Raserautos zu beschlagnahmen, finde ich persönlich gut.» Kein Verständnis habe er jedoch für die Forderung, die Fahrzeuge zu verschrotten. «Viel sinnvoller ist es, sie für andere Zwecke wieder zu verwenden.»

Keine Verfolgungsjagden

In diesem Moment taucht in der Ferne ein Auto auf dem Bildschirm der Kamera auf. Der Polizeiwagen fährt mit 100 auf der rechten Spur. Das Fahrzeug nähert sich rasant von links und fährt vorbei. Es ist ein aufgemotzter Seat Ibiza mit nicht weniger als vier Auspuffen. Mühlemann drückt aufs Gaspedal, wechselt auf die linke Spur und nimmt die Verfolgung auf. 120, 130, 140, 150 Kilometer pro Stunde. «Da spürt man manchmal schon das Adrenalin», sagt Mühlemann, der bereits seit zehn Jahren mit den Vidista-Autos unterwegs ist. «Deshalb sind wir immer zu zweit auf Patrouille, damit der Beifahrer auch mal beruhigend eingreifen kann», erklärt sein Kollege Rüfenacht. Der Seat hat nun zurück auf die rechte Spur gewechselt. Die Polizisten schauen auf den Bildschirm: Tempo 137 im Schnitt. «So was nennen wir optimale Reisegeschwindigkeit», sagt Rüfenacht. «Kein Fall für uns.» Denn derartige Überschreitungen würden mit dem normalen Radar erfasst. Doch es hätte auch anders ausgehen können. Dann leuchten jeweils am Heck des zivilen Polizeiautos rote Buchstaben auf: «Polizei bitte folgen». In 95 Prozent der Fälle fahren die Verkehrssünder brav rechts ran. «Falls nicht, schalten wir das Blaulicht und die Sirene ein, das wirkt meist Wunder», so Mühlemann. Verfolgungsjagden gebe es hingegen kaum.

«Musste dringend aufs Klo»

Steht das Auto einmal still, beginnen die Diskussionen: «Haben Sie Verständnis, ich muss an einen dringenden Termin» - «Ich musste doch nur dringend aufs Klo». Auch Ausländer auf der Durchfahrt sparen nicht mit Ausreden: «Viele tun so, als würden sie die Sprache nicht verstehen», sagt Mühlemann. In einzelnen Fällen komme es gar zur Bestechung. Besonders schnell seien die Pommes frites unterwegs. Pommes frites? «Die Belgier und Luxemburger», sagt Rüfenacht schmunzelnd, während sein Kollege Richtung Bern Wankdorf, dem Stützpunkt, fährt. Im Zentrum der Mobilen Polizei geht es in das Videozimmer, wo die Filme ausgewertet werden. «Heute war nichts Brauchbares dabei», sagt Mühlemann - eine gewisse Enttäuschung schwingt in seiner Stimme mit.

Noch nie einen Freispruch

Die Aufnahmen dienen bei Gerichtsverfahren als Beweismittel und sind mit Voraussetzung dafür, dass die Raser von der Justiz härter angepackt werden können. Der Erfolg spricht für das Gerät: «Wir hatten noch nie einen Freispruch», sagt Rüfenacht nicht ohne Stolz. Sein Kollege Mühlemann sieht im Gerät auch einen Nachteil: «Das Wort des Polizisten zählt leider immer weniger.»

Aktuelle Nachrichten